Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Rezension: Narfland 1 und 2

Heute gibt es mal eine Rezension von mir zu lesen, die zwar schon zuvor bei Hoer-Talk.de erschienen war, aber nun noch mal eine Neu-Auflage erfährt. Es geht um Narfland 1 & 2, einer Fantasy-Hörspielreihe von Sven Matthias & Erdenstein in Zusammenarbeit mit Hoerspielprojekt.de!

Ich hatte Narfland schon oft gehört, bevor der zweite Teil und die SE des ersten Teils herauskamen. Daher ist meine Meinung sicher geprägt von einem gewissen “Alte-Liebe-Syndrom”, d.h. dass manche Verbesserung sicherlich deshalb von mir als Rückschritt wahrgenommen wird, weil ich die Vorgängerversion so oft gehört und liebgewonnen habe. Genug geschwafelt, ran ans Werk:

Skript:

Es ist eine nicht gerade ungewöhnliche Konstruktion, aber deshalb auch ungeheuer wirksam: ein Held, der die Fantasy-Welt noch nicht oder wenig kennt, gerät in eine abenteuerliche Reise/Geschichte, die immer wieder ein ferner, böser Antagonist (hier: der Schattenhafte) bedroht. Es ist die Urform des Fantasy, wir kennen sie auch aus Tolkiens “Hobbit” oder “Herr der Ringe” (Bilbo und Frodo sind ebenso unwissend über Mittelerde), aus den Chroniken von Narnia, dem Dunkelelf, Alice im Wunderland, Die Zwerge, und und und, kurz: in jeder GUTEN Fantasy-Geschichte. Das hat sicherlich psychologische Gründe, weil ein Hörer/Leser sich leichter in eine fremde Welt ziehen lässt, wenn der Protagonist ebenso verwundert und unwissend ist wie er selbst. Dennoch wird bei Narfland kein Klischee aufgetischt; die Idee, Maler Leon Cartwright einzuführen, der durch Träume und Bildern bereits Fühlung von der anderen Welt bekommt und schließlich durch einen – auch oft erlebten – mysteriösen Zauberer in diese geschleust wird, ist durchaus originell und bietet einige neue Facetten.
Von da an entwickelt sich die Story prächtig. Die Reisegefährten werden sympathisch und glaubhaft nacheinander eingeführt und die Reise beginnt… die Etappen waren bisher spannend und originell, auch wenn die Angelegenheit mit dem Amulett etwas unbefriedigend auf mich wirkt, es ist im Eigentlichen ein Deus Ex Machina, also eine von oben herbeigeführte Lösung von Konflikten. So etwas ist heute eigentlich verpönt, weil die Leser/Hörer gerne wollen, dass der Konflikt von den handelnden Personen gelöst wird. Im Prinzip passiert das ja auch, weil die Kraft des Amulettes von Leon Cartwright entfesselt wird, aber dennoch: als sich dieser Vorgang im zweiten Teil wiederholte, störte mich das ein bisschen. Sicherlich Geschmackssache, denn das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Es gibt wenige Fantasy-Hörspiele, die mir so gut gefallen haben wie dieses.
Eine kleine Kritik am Antagonisten: der Schattenhafte blieb bei mir bisher eher der Blasse. Es gibt eigentlich im Großen und Ganzen zwei Möglichkeiten mit Antagonisten umzugehen: entweder man zeigt ihr Handeln oft und als Gegenspiel zum Hauptcharakter oder man zeigt sie gar nicht, um die Wirkung einer dunklen, uneinschätzbaren Bedrohung zu erzeugen. Hier wurde ein Mittelweg gewählt und – egal wie man das findet – mir jedenfalls bleiben alle Charaktere von Narfland in Erinnerung, nur nicht der Schattenhafte. Vielleicht kommen ja im dritten Teil einige Alleinstellungsmerkmale.
Dem Skript merkt man Erfahrung und Talent an, obwohl ich eine gewisse “scheinen”-Neigung sehe. Im zweiten Teil nicht mehr, aber im ersten Teil gibt es besonders am Anfang einer Reihe von “schien”-Satzkonstruktionen, die nicht immer nötig sind. (oder nötig zu sein scheinen) “der nicht in der Lage zu sein schien”, “das nicht mehr wert zu sein schien”, “schien die Leute in Zukunft blicken zu lassen”, ist aber alles im Bereich der Erbsenzählerei meinerseits.

Sprecher:

Herausragend. Es gibt keine einzige Rolle, die ich als fehlbesetzt bewerten würde und es wurde auch viel aus den Sprechern herausgeholt bzw. sie haben sich richtig ins Zeug gelegt. Einwandfrei und sehr sehr nah bzw. weit über der Qualität einer kommerziellen Produktion.

Musik:

Durchaus an vielen Stellen ein Qualitätsgewinn, auch wenn ich die spärliche Vertonung und das melancholische Piano-Intro aus der Ursprungsversion wesentlich passender zur Geschichte fand. In der neuen Version legt sich die (sehr gute) Komposition wie ein Klangteppich über das Hörspiel und verwischt, wie ich finde, die Stimmung etwas. Manche Szenen wären aus meiner Sicht einfach wirkungsvoller, wenn ihnen keine Musik zu Grunde läge. Meine Meinung natürlich. Da, wo es dramatisch wird, gibt die Musik dann wieder den KICK, den es braucht.

Schnitt & Regie:

Von Sven Matthias ist man saubere Arbeit gewöhnt. Nichtsdestotrotz ist auch hier der hervorragende Schnitt und die hochwertigen Sounds zu loben. Auch die Dialogregie scheint bestens abgelaufen zu sein. Jedenfalls ist es nur so zu erklären, dass bei dezentraler Aufnahme unterschiedlichster Sprecher mit unterschiedlichster Technik ein derart organisches Ganzes entsteht.

Cover:

Nichts zu meckern. Beide Covers sind wie aus einem Guss und gefallen mir.

Fazit:

Eine Hochglanzproduktion im Bereich des freien Hörspiels. In nahezu allen Teilen wurde auf hohem Niveau gearbeitet.

R. M. Beyer

Über R. M. Beyer

Ronald Martin Beyer hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt hauptsächlich Dramatik (Hörspiel) und Prosa, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert freie Hörspiele und Hörbücher.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Januar 2012 von in Aktuelles, HÖR_bar und getaggt mit , , .

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