Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Hörspiel: Leben versichert

Heimlich, still und leise mischte sich „Leben versichert“ vor einiger Zeit in das Repertoire von hoerspielprojekt.de. Tatsächlich geht das Werk minimalistische Wege und beschränkt sich auf das Wesentliche: subtiler Grusel ohne Grusel-Elemente. Was schreibt der da? Grusel ohne Grusel-Elemente? Sehr richtig! Diesem Umstand ist es wohl auch geschuldet, dass „Leben versichert“ unter dem Genre „Drama“ zu finden ist, statt unter der wesentlich passenderen Kategorie: Horror/Grusel. Dieser Grusel liegt im Stoff begründet: ein nicht näher beschriebener Herr Henrichs bekommt abendlichen Besuch von einem Herrn Berghoff, der ihm eine Versicherung verkaufen will. Das allein ist weder dramatisch noch gruselig, wohl aber das, was sich im darauf folgenden Gespräch ergibt. Herr Berghoffs Angebot ist nämlich wörtlich zu verstehen: er versichert das Leben seiner Klienten, auf dass sie nicht demnächst ausgelöscht werden. Herr Henrichs bereut rasch, die Tür überhaupt geöffnet zu haben…

Die Sprecher zeigen gepflegte Routine und spielen ihre Rollen hervorragend. Michael Gerdes als fiesfreundlicher, skrupelloser Versicherungsvertreter Berghoff lässt sogar etwas mephistophelisches durchschimmern, zeigt diesen Charakterzug aber etwas zu früh, sodass man die schlimme Absicht schon riecht, bevor der Mann den Raum betritt. Allerdings gaben an dieser Stelle Text und vermutlich Regie besagten Kurs vor. Julian Schlegel mint einen todgeweihten Herrn Henrichs zwischen mörderischer Wut und existenzieller Angst. Obwohl es sich lediglich um eine einzige Szene handelt, in der überdies lediglich zwei Personen agieren, bleibt das Geschehen spannungsvoll. Das ist dem bissigen Skript aus der Feder von Frederic Brake zu verdanken. Die Brisanz des Dialogs steigert sich Zeile für Zeile, dennoch wird ein kleines bisschen zu früh deutlich, wohin die Reise geht. Plus lentement, Monsieur Brake! Dennoch: die Rechnung geht auf, der Hörer bleibt bis zum Schluss am Ball. Dazu trägt auch durchaus die Musik bei, bekannt aus Funk und Fernsehen: das wunderbar melancholische Gymnopedies von Erik Satie. Dieser friedliche Klavier-Singsang steht in Kontrast zur offensichtlich feindseligen Beziehung der Protagonisten und setzt gezielt ein, um wiederum gezielt abzubrechen. Hier wurde vom Cutter hervorragend mit der Musik gespielt. Der Schnitt lag in der Hand eines Neulings. Ernszt Dubitzky sorgt als Cutter für einen gelungenen Einstand ins tontechnische Hobby-Handwerk. Sowohl Dialogschnitt als auch Abmischung sind rund und lassen keine großen Makel erkennen. Nebenbei hat Dubitzky auch noch das Cover gestaltet. Mit wenigen Elementen wird das ganze Thema des Hörspiels treffend zusammengefasst: ein Kugelschreiber, ein Blatt und drei Kreuze.

„Leben versichert“ bringt mit gewöhnlichen Mitteln ein sehr ungewöhnliches Kurzhörspiel hervor. Dabei stört lediglich die frühe Demaskierung Berghoffs. Abgesehen davon ist das Hörspiel in allen Belangen zu loben und nimmt einen besonderen Platz bei hoerspielprojekt.de ein.

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. August 2012 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , .

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