Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Rezension: Parasit – die Symbiose

Liebe Leser,

Parasiten sind seltsame Geschöpfe. Sie leben stets und immer in einem existenziellen Dilemma: der Parasit braucht einen Wirt, um überleben zu können, doch zugleich richtet er diesen nach und nach zu Grunde, was wiederum seine eigene Existenz ins Wanken bringt. Jeder Parasit erlebt diese Zwickmühle auf eigene Weise. Kann die Mücke noch als relativ autonom gelten, dürfte der Fuchsbandwurm schon größere Skrupel empfinden. Der Parasit, um den es im gleichnamigen Hörspiel geht, löst dieses Problem auf seine ganz eigene Weise.

Sylvia Foster wird festgenommen, als sie allem Anschein nach ihren Mann aus dem Fenster stößt. Ihre darauf folgende abstruse Geschichte ruft Dr. Stan Philips auf dem Plan, der Sylvia Foster sowohl beruflich als auch privat nahe steht. Er soll ihren Zustand einschätzen bzw. ihren Zustand verbessern. Es folgt ein Interview, in dem sämtliche Geschehnisse aufgearbeitet werden, die zur Verhaftung geführt hatten, angefangen bei trauter Familienidylle, hin zu einem seltsamen Loch im Garten, bis schließlich das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar wird. Selten kommt aus dem Weltraum etwas Gutes und auch hier ahnt der erfahrene Genre-Kenner, dass irgendwas im Busch ist, wenn irgendwo irgendwas heruntergefallen ist und bedeutungsvolle Löcher hinterlässt. Der Stoff ist nicht neu (welcher Stoff ist das schon) und greift eine ganze Reihe bekannter Verlaufsformen auf, wird aber spannungsvoll in Szene gesetzt und dramaturgisch sauber aufgebaut. So riss dieses Hörspiel auch mich in den Bann und ließ mich bis zum Schluss nicht mehr los, gleichwohl die große Überraschung ausblieb. Weshalb die ganze Sache dennoch funktioniert, beginnt beim überaus gelungenen Schnitt, den Hans-Peter Stoll wieder ausgezeichnet hingezaubert hat. Es herrscht eine feine Balance aus Spektakel und Ruhe, die Sounds arbeiten subtil, das Ambiente scheint immer zu passen. Zugleich zeigt sich Hans-Peter Stoll auch für das Skript verantwortlich und dieses ist sowohl spannend als auch rund. Die einzige Schwäche liegt möglicherweise im etwas vorhersehbaren Ende. Zwar gibt sich der Autor viel Mühe, dieses zu kaschieren, aber ganz will es doch nicht gelingen. Sei es drum, die Dialoge sind meistens lebensnah und einfallsreich, die Figuren sehr ordentlich dargestellt. Diesen Figuren Leben einzuhauchen, war letztlich Aufgabe der Sprecher. Da wäre zuoberst Dagmar Bittner zu nennen, die es tatsächlich schafft, auf ihre Performance in „Positiv“ und „Ohnmacht“ noch einmal einen drauf zu setzen. Sie agiert dermaßen authentisch, dass es einen Hörspiel-Oskar wert wäre. Auch Tim Gössler brilliert in der Rolle des Bernhard Foster und schafft es schließlich – so viel sei verraten – dem Ehemann Sylvias einiges an Facetten hinzuzufügen. Hannah Jöllenbeck kommt auch als Kind sehr glaubhaft rüber, ebenso wie Hans-Peter Stoll, dessen kühle Klangfarbe auf diese Rolle sehr ordentlich passt. Man könnte dies hier fortsetzen: es gibt keinen Schwachpunkt im Cast. Ebenso wenig schwächelt die Musik aus der Hand Phillip Hümmerichs: auch hier findet sich das bereits erwähnte Hin-und-Her-Schwingen von Spektakel und Ruhe. Maik Alwin gibt mit seinem Cover dem Hörspiel den letzten Feinschliff: kontaminiertes Gelb umrahmt eine kleine, fette Zecke und über allem prangt in Fettdruck das Grauen: der Parasit! Schön in seiner Einfachheit, gelungen in der Ausgestaltung, passend für das Hörspiel. Mehr kann man nicht verlangen.

Alle Elemente dieses Hörspiels bilden eine gelungene, unterhaltsame Einheit. Es handelt sich um reinrassigen Horror, der keine sehr großen Wege geht, wohl aber auf kurzem Weg seine Sache sehr gut macht. Das Ende ist Geschmackssache – dem einen ist es vielleicht zu vorhersehbar, dem anderen möglicherweise zu unbefriedigend, letztlich ist dies allerdings kein handwerklicher Fehler. Das einzige, das man dem Hörspiel vorwerfen kann, ist der für Horror- bzw. Alien-Filmkenner stark verbrauchte Plot. Für mich war er dennoch reizvoll, denn zwar hat man solcherlei oft gesehen, nicht aber gehört. Deshalb: Bravo für Hans-Peter Stolls gelungenes Zweitwerk!

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. September 2012 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , , .

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