Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Der Zweite Weltkrieg im Hörspiel der Ära Adenauer

An old microphone

17.11.2012 Vortrag im Rahmen der Hans-Werner-Richter-Literaturtage, Kolloquium „Krieg – Gefangenschaft – Lagerhaft: Opfernarrative und Wandlungsmythen in der deutschsprachigen Literatur nach 1945“, Bansin

Die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und der Rolle des Einzelnen im nationalsozialistischen System, die Frage nach Verantwortung und Schuld, wurde im Hörspiel der 1950er und 1960er Jahre immer wieder thematisiert und kritisch reflektiert. Von reinen Antikriegshörspielen, die auf einen Appell an die Menschlichkeit zielten (Leopold Ahlsen: Philemon und Baucis, 1955; Fred von Hoerschelmann: Aufgabe von Siena, 1955) bis zur indirekten Reflexion des Holocaust in Günter Eichs Träumen (1951), wo eine surreal anmutende Fahrt im finsteren Eisenbahnwaggon ohne Ziel in Szene gesetzt wurde, reicht die inhaltliche Ausgestaltung dieses Themas. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft verbreitete Opfernarrative und Verdrängungsmechanismen in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit, die Relativierung der eigenen Schuld eingeschlossen, wurden im Hörspiel der 1950er Jahre kritisch hinterfragt. Kriegserlebnis und Lagerhaft wurden meist nur als traumatische Erfahrung einzelner Figuren greifbar (Max Frisch: Nun singen sie wieder, 1945; Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür, 1947; Fred von Hoerschelmann: Das Schiff Esperanza, 1953), oft blieb dieser Aspekt aber auch nur Folie. Menschliche Schicksale in Zeiten des Krieges wurden oft im Zusammenhang mit den Themenaspekten Holocaust (Günter Eich: Die Mädchen aus Viterbo, 1953; Rolf Schneider: Zwielicht, 1960) oder Flucht und Vertreibung (Fred von Hoerschelmann: Die verschlossene Tür, 1952; Jan Rys: Grenzgänger, 1960) dargestellt.

Ein bislang kaum untersuchter Aspekt der Kriegsthematik im Hörspiel sind die Generationenkonflikte. Zumeist wurde im Hörspiel der 1950er und frühen 1960er Jahre bei der Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht offen angeklagt noch dezidiert Kritik an Politik und Gesellschaft geübt. Vielmehr zielten die Autoren des Nachkriegshörspiels – hier sind vor allem die Vertreter des sogenannten „realistischen Problemhörspiels“ (Heinz Schwitzke) zu nennen –, indem sie mit den Generationenkonflikten die gesellschaftlichen Verhältnisse in der frühen Bundesrepublik widerspiegelten, auf eine selbstkritisch-reflektierende Auseinandersetzung der Hörer.

Der Vortrag kann und soll lediglich einen ersten Einblick in die Thematik „Darstellung und Reflexion des Zweiten Weltkrieges im deutschen Nachkriegshörspiel“ geben. Gezeigt werden soll, wie viele Autoren (v.a. aus dem Kreis der Gruppe 47) bemüht waren, dieses Thema auch im Hörspiel aufzugreifen und den Hörern die Ereignisse der jüngsten Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, wie dabei aber auch Tendenzen der Verdrängung erkennbar werden und die wenigen Autoren, die Kritik an der unzureichenden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit übten, diese im weitgehend restaurativen Rundfunksystem der frühen Bundesrepublik nur bedingt äußern konnten.
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Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. November 2012 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe, PROJEKT_ordner und getaggt mit , .

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