Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Rezension: Sand

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Ist hier in unserem Blog etwa Sand im Getriebe? Mitnichten! Nach längerer Rezensionspause nehme ich heute mal ein Kurzhörspiel unter die Lupe, das es in sich hat: „Sand“!

Vielleicht hatte ich es bereits zuvor erwähnt, aber ich bin ein großer Freund von so genannten Schmelztiegel-Storys, das heißt: man nehme einige Protagonisten, füge denen Ängste und Komplexe hinzu und schmeiße sie in eine Räumlichkeit, aus der es kein Entkommen gibt. Und schon brodelt es! Hierfür gibt es viele gelungene Beispiele, zu denen wir mit „Sand“ ein weiteres hinzufügen können. Burke und Hansen befinden sich in einer Einrichtung auf einem fernen Sandplaneten – und zwar allein (arbeitspsychologisch schwach). Dann plötzlich: Störungen, ein undefinierbares Störgeräusch. Der darauf folgende Außeneinsatz zum Zwecke der Reparatur ist der Anfang einer rasanten Fahrt in die Katastrophe. Der dem Hörspiel vorangestellte Sinnspruch „Homo homini lupus“ (Der Mensch ist des Menschen Wolf) bleibt, so viel sei verraten, die offene These der Geschichte. Für sich genommen ist der Plot simpel, aber ungeheuer spannend. Das Skript leistet hierbei sehr gute Arbeit: ungeheuer authentische Dialoge, feine (wenn auch wenig ausführliche) Charakterstudien und Spannung ohne Ende. Naja gut, ganz ohne Ende dann doch nicht. Der Plot endet flott. Das reimt sich nicht nur, sondern ist auch meines Erachtens der einzige Schwachpunkt des Hörspiels, den man ihm jedoch gar nicht vorwerfen kann. Als Kurzhörspiel gibt es natürlich gar keinen Anlass, die Charaktere tiefer einzuführen, den Ort näher zu beschreiben und den Plot um eine weitere Episode zu erweitern, aber – ohne zu viel vorwegzunehmen – ich hatte beim ersten Hören damit gerechnet, dass das Einsatzteam, das schließlich den Fall aufzuklären hat, noch länger operieren und möglicherweise am selben Ort unter ähnlichen Umständen ums Leben kommen würde. Das ist aber eher ein Problem der Hörererwartung: als Kurzhörspiel gedacht und gehört, ergibt das Skript zu „Sand“ eine in sich geschlossene Fabel mit offener Eingangsfrage.

Das Hörspiel ist im Grunde eine Two-Man-Show. Man könnte auch Two-and-a-half-man-Show sagen, sofern man die anderen Sprecher noch hinzu rechnet. Felix Würgler und Robert Frank bieten hier als Burke und Hansen ein atemberaubend gutes Gespann. Der Dialog fließt, als ob er LIVE aufgenommen worden wäre und tatsächlich – wie sich erst nach dem Schreiben dieser Rezension herausstellte – wurden die beiden Protagonisten in einer Kabine aufgenommen. Christiane Marx war hierbei für die Dialogregie verantwortlich und trug sicher maßgeblich zum Erfolg der Unternehmung bei. Sowohl Felix Würgler als auch Robert Frank hatten sich schon zuvor in vielen Produktionen glänzend behauptet, doch hier gelingt beiden noch eine Leistungssteigerung (wenn das auf diesem Niveau überhaupt noch möglich ist). Die relativ kurzen Einsätze der anderen Sprecher sind allesamt gelungen, sodass insgesamt am Ensemble überhaupt nichts zu bemängeln ist.

Die Musik aus der Hand von Jan Krzyzostaniak umschmeichelt diskret und stets passend die sandige Kulisse des Geschehens. Apropos sandig: Michael GerdesSchnitt tut alles, um dieses leitende Motiv hervorzuheben. Dies gelingt ihm so eindrucksvoll, dass man ihm fast die Vertonung von „Dune – der Wüstenplanet“ zutrauen würde. Sanft und doch aggressiv, fast lebensbedrohlich rauscht der Sand um die Ohren des Hörers, rasselt die marode Technik einer Einrichtung, die wie ein Fels im Ozean unmerklich langsam zerrüttet wird. Die sehr guten Dialoge sind natürlich auch der Regie und dem Dialogschnitt zu verdanken, sodass ich auch hier nichts zu bemängeln weiß. Das gleiche gilt übrigens für das Cover, das einmal mehr das Motiv des Sandes und der Rolle des Menschen darin thematisiert.

Alles in allem begegnet uns mit „Sand“ ein Konzept-Kurzhörspiel mit glasklarer Linie und doppeltem, moralphilosophischem Boden. Die Frage, was der Mensch von grundauf sei, ob es eine eingeborene Natur des Guten gibt oder doch stets das Raubtier seiner selbst in uns schlummert, ist sowohl in der Philosophie als auch in diesem Hörspiel offen. Und dass sich diese Frage auch im weiten Weltall nicht verändert, werden vielleicht eines Tages auch unsere Ur-Ur-Ur-Enkel feststellen müssen.

R. M. Beyer

5star

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

Ein Kommentar zu “Rezension: Sand

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Dezember 2012 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , .

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