Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Rezension: Mein eigen Fleisch und Blut

98uatytt

Speziell für den heutigen Tag des Weltuntergangs (oder eines neuen Bewusstseins) habe ich ein Endzeit-Hörspiel aufgegriffen. „Mein eigen Fleisch und Blut“ aus der Hörspielschmiede „Push my belly“ hat vor wenigen Tagen das Licht der Welt erblickt und presst einmal mehr Zombies auf CD.

Der Titel und das lobenswert brachiale Cover (von Wolfram Damerius) lassen es erahnen: man wird nicht ganz ohne Blut auskommen. Und noch etwas kündigt das doppelbödige Cover an: hier wird es um eine Vater-Tochter-Beziehung gehen. Auch nicht ganz ohne Blut. Und in der Tat: wir werden in eine von Zombies bevölkerte Welt geworfen, in der Richard Green und seine Tochter Mary zu überleben versuchen. Die Mutter – so erfahren wir bald – ist offenbar selbst zum Zombie geworden und musste unschön beseitigt werden. Eine Tat, die beiden noch immer psychisch zusetzt. Ebenso wie die enorme Verantwortung, die nun auf den Schultern Richard Greens liegt: er allein kann und muss seine Tochter beschützen. Wir verweilen nicht lang in dieser Ausgangssituation und treffen bald auf Liz, eine ebenfalls Überlebende. Es liegt in der Natur der Sache, dass ihr zunächst misstraut wird. Besonders Richard entwickelt beinahe paranoide Wesenszüge. Der Genrekenner ahnt bereits: es wird bald darum gehen, wer hier der Bereits-Gebissene ist. Hm… möglich…

Der Plot des Skripts mutet zunächst altbekannt an, doch Franjo Franjkovic und Hagen Voß gelingt es, diese Dreier-Konstellation im Zusammenhang mit den um das Haus versammelten Zombies auf eine psycho-analytische Ebene zu heben. Erstmals, möchte ich meinen, erlebt man die allmähliche Verwandlung zum Zombie aus Protagonisten-Sicht. Anders als in den meisten Zombie-Storys wird dabei nicht das psychische Element des (Fleisches-)Hungers bemüht, sondern der Urgrund im Sexuellen gesucht. Im verboten Sexuellen! Hier wird mit poetischer Wortgewalt der dunkle Boden des Mensch-Seins ausgehoben. Dieser sexuelle Bezug, der uns sonst nur in guten (!) Vampir-Romanen begegnet, funktioniert auch hier erstaunlich gut. Der Zombie verleibt sich andere Leiber ein. Und was ist der sexuelle Akt denn anderes als…   aber ich möchte nicht zu tief dringen. Den beiden Autoren gebührt zumindest ein großes Lob für die ausgefeilte, zu keiner Zeit plump-psychoanalytische Charakterentwicklung und den poetischen Erzähltexten. Das Ende jedoch, so viel sei verraten, wirkte auf mich wie ein Deus Ex Machina. Es macht SCHNIPP und plötzlich findet man einen überraschenden Twist in der Geschichte, der jedoch zu keiner Zeit zu erahnen war. Somit ist das Ende zwar überraschend, aber der AHA-Effekt bleibt aus. Das ist der aus meiner Sicht kleine Wehrmutstropfen einer bis dahin äußerst intensiven und spannenden Geschichte.

„Mein eigen Fleisch und Blut“ wird auch und vor allem von den Sprechern getragen. Das Dreieck bestehend aus Bernd Vollbrecht (Richard), Anke Reitzenstein (Mary) und Luise Wietzorek (Liz) harmoniert hervorragend. Sie haben keinen geringen Anteil daran, dass ich recht flott in das Hörspiel hineingezogen wurde. Dieser authentische Hör-Eindruck entstand unter der Regie von Christiane Marx, die schon bei „Sand“ aus bereits fantastischen Sprechern noch mehr Qualität quetschte. Keiner der Akteure spielt den anderen an die Wand, keiner geht unter. Hier wird ein Niveau erreicht, das selbst auf kommerziellen Pfaden selten anzutreffen ist. Auch Marc Schülert sorgt mit einem Tonschnitt der professionellen Sorte für stimmige Zombie-Endzeit-Stimmung und macht durch glaubhafte Raumakustik und Umgebungsgeräusche die Illusion perfekt. Dazu hat auch Tim Gössler als Musiker ein gutes Stück beigetragen. Der Horror tritt mal brutal-episch, mal subtil-kitzelnd in die Szenen. Hier kann man zurecht nicht nur von musikalischer Untermalung, sondern von musikalischer Gestaltung sprechen.

Das Push-my-belly-Label verspricht seit „Centralia“ großartiges Hörvergnügen abseits des Mainstreams und hält dieses Versprechen zur bisher vollsten Zufriedenheit des Hörers (in dem Fall: ich). Zombie-Geschichten stinken mittlerweile schon so alt wie ihre untoten Protagonisten, aber hier ist es gelungen, einem allzu verbrauchten Stoff neues Leben einzuhauchen. Ein schrecklich-schönes Kammerspiel wartet auf den Hörer und führt diesen in noch schrecklich-schönere Tiefen der Seele. Ich verneige mich beeindruckt und zücke die Höchstwertung.

5starR.M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

3 Kommentare zu “Rezension: Mein eigen Fleisch und Blut

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  3. Jens Roege
    2. Juli 2013

    Bin sonst immer sehr kritisch bei neuen Labels, da es doch einiges an Müll gibt auf dem Markt. Aber das ist wirklich mal gut gemacht das Hörspiel weiter so!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Dezember 2012 von in HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , .

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