Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Tango @ Berlin: Das Tagebuch des jungen Tango – Schülers. Teil 1

Liebe Leser,

Tango macht Spaß!

Diese Aussage ist weder wahr noch falsch. Aber für wen trifft sie eigentlich zu? Und welchen interessanten Phänomenen ist unser junger Schüler in seinen ersten Wochen als Tango-Tänzer begegnet?

Tango macht Spaß! Das kann ich bedenkenlos unterschreiben. Doch trifft dies nur für mich zu. Für jeden anderen könnte es der Albtraum auf Erden sein. Denn wie so oft kommt es auf die betreffende Person an. Grundsätzlich sollte man zu den Menschen gehören, die Spaß daran haben, an sich, ihrer Technik und ihren Fähigkeiten zu arbeiten und das über eine langen Zeitraum durchhalten können. Denn Tango tanzen lernt man nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder Monat. Es reicht auch nicht ein paar Figuren tanzen zu können; vielmehr kommt es auf das Erlernen dessen an, was ich hier als die Essenz des Tangos bezeichne. Diese Essenz ist es, welche dem Tango Argentino den Flair des Sexuellen, Spannungsgeladenen verleiht. Was ist also nun diese Essenz des Tangos?

Es ist: der Dialog der Tänzer. Die feingliedrige, differenzierte Körpersprache über die sich die beiden TänzerInnen austauschen. Eine leichte Bewegung der rechten Schulter, ein kurzer Druck mit der Führungshand und schon weiß die oder der Folgende, was als nächstes zu tun ist. Nur so ist auch überhaupt möglich das zu tun, was Tango so populär macht: zu improvisieren. Und genau dies ist es auch, was dem Tango meiner Meinung nach den Flair des Sexuellen verleiht: denn hier wie dort kommt es letztlich auf die Geheimnisse  der Körpersprache an (Verführung!).

Zugleich ist es aber wohl auch ein wichtiger Grund dafür, warum viele Menschen sich nicht auf den Tango einlassen wollen. Die Vorstellung mit fremden Menschen derart intim zu werden, macht aus vielen Angsthasen. Nun, das ist nicht weiter schlimm. Die Milongas sind auch so schon voll genug. Doch führt dies zu zwei  interessanten Phänomenen.

The Canning Salon, a Buenos Aires milonga (tan...

Milonga in Buenos Aires (Photo credit: Wikipedia)

In der Tangoszene gibt es den Mythos des starken Frauenüberschusses! Es gibt ihn – zumindest hör ich das immer wieder. Doch für unseren jungen Tangoschüler, wie für alle jungen Tangoschüler, stellt sich die Situation ganz anders dar: sie sind die Mehrheit und Frauen manchmal ein knappes Gut. Die Männer sind es , die am intensivsten, weil regelmäßigsten zum Training gehen. Aber warum das so ist? Nun ich denke, dass hängt zum ersten mit der Intimität des Tango-Tanzens zusammen. Für die reifere Frau, häufig mit Partner, ist dieser Gedanke wohl nicht mehr so abschreckend, man wird ja auch älter und erfahrener. Für jüngere Frauen unter 25 ist dieser Gedanke weitaus abschreckender, wie ich bislang in vielen Gesprächen gehört habe. Vielleicht liegt es auch daran, dass  sie letztlich nur in einen Club ihrer Wahl gehen und… naja, ihr könnt euch den Rest denken. Auch ist bei den jungen Tänzern die Zahl der tanzenden festen Paare weitaus geringer; gerade in einer Stadt wie Berlin wo Ungebundenheit bei Leuten unter 30 die große Maxime ist. Viele fangen hier in dieser Altersklasse als tanzende Singles an – nicht immer will der Partner tanzen.

Meine Erfahrung hierbei ist: ja, die Intiminiät beim Tanzen ist eine Herausforderung. Als ich das erste Mal mit einer mehr oder weniger fremden Frau die Enge Tanzhaltung geübt habe, war dies eine mentale Herausforderung. Aber wie so oft bei solchen Dingen: man gewöhnt sich sehr schnell daran!

Das zweite Phänomen betrifft den Altersschnitt der Tango-Tanzenden. Er ist, wie bereits angedeutet, recht hoch. Es scheint so zu sein, dass Tango erst für Leute ab 30-35 interessant wird. Warum könnte dies so sein?

Ich denke, dass liegt erstens an den Lebensumständen und zweitens an Finanziellen Gründen (auf die ich hier nicht näher eingehe).

Menschen über 30-35 sind meist gebunden, haben einen geregelten Tagesablauf und gehen nicht mehr (so oft) in Clubs. Wer tanzen und sich dabei vielleicht noch angenehm unterhalten möchte, für den sind dann Milongas (Tangotanzveranstaltungen) die perfekte Wahl. Zudem ist das Tanzen lernen ein perfektes, verbindendes Projekt für jede Partnerschaft – und sorgt zudem für die Extra-Portion Erotik. Junge Leute hingegen gehen eher in einen Club als auf eine steife Milonga. Im Club kann man „sein Ding“ durchziehen und bei entsprechendem Talent auch sehr schnell den Fisch an Land ziehen oder einfach und ohne Regelkorsett Spaß haben.

Doch was, wenn die 30 immer näher kommt? Nun, dass könnt ihr euch ja jetzt denken 🙂

Danke fürs Lesen und bis bald

Euer Manuel

Über Manuel

Manuel Zirm arbeitet in Schwerin als Pressesprecher und berichtet von Zeit zu Zeit über das Leben und Arbeiten in der mecklenburg-vorpommerischen Landeshauptstadt.

3 Kommentare zu “Tango @ Berlin: Das Tagebuch des jungen Tango – Schülers. Teil 1

  1. R. M. Beyer
    16. Februar 2013

    Ich stelle mich mal als Ausnahme dar: ich bin seit langer Zeit unter 30 (und bin es immer noch) und habe sechs Tanzkurse hinter mir (4x Standard-Latein, 1x Volkstanz, 1x Disco-Fox). Dagegen stehen in meinem gesamten Leben lediglich 3 Clubbesuche. Na gut, wenn du Kneipen mit in die Kategorie „Club“ zählst, war ich sehr viel häufiger in einem „Club“, aber grundsätzlich habe ich eine Abneigung gegen zappelnde Anhäufungen von Menschen und dreckiger Bumm-Bumm-Discomucke. Der typische Kaffee-Sachse aus Dräsdn freut sich mehr über Kleintheater, Kneipenmusik & Eierschegge!

    Vielen Dank für die tiefen Einblicke ins Berliner Tango-Leben. Sicherlich eine der besseren Szenen Berlins… 😉

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  2. MZ
    18. Februar 2013

    Naja, es ist halt auch ein erster Eindruck. Wahrscheinlich würden einige der regelmäßigen Diskogänger niemals einen Tanz erlernen wollen. Sowieso: Wenn ich nicht auf der Tanzfläche bin, wird in Diskotheken sowieso nicht getanzt 🙂

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  3. Robert
    5. März 2013

    „Doch trifft dies nur für mich zu.“ – Was trifft nur auf dich zu? Deine Sicht der Dinge ist sehr interessant. Mir stellt sich einiges doch ganz anders dar. Den Begriff des Überschusses in Bezug auf Menschen finde ich im Übrigen etwas unpassend gewählt. Bis bald!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Februar 2013 von in Aktuelles, kontro_VERSE, PROJEKT_ordner und getaggt mit , .

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