Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Drakensang: Großes Vorbilder, kleine Schwächen

Die Brillenmenschen mögen es leugnen, aber es ist Realität: Spiele sind ein Teil unserer heutigen Erzählkultur. Besonders Rollenspiele haben sich hierfür verdient gemacht. Anders als in vielen anderen Genres, in denen die Story sich oft der Spielmechanik unterordnen muss, hat der Plot in Rollenspielen etwas mehr künstlerische Freiheit. Hierfür gibt es prominente Beispiele, z.B. auch Drakensang. Jaja, Drakensang ist uralt, werden nun einige sagen. Aber ich spiele nun schon seit einiger Zeit (Drakensang war mein letztes RPG) nicht mehr und so bleibt mir nichts anderes übrig, als olle Kamellen herauszukramen.

Drakensang: The Dark Eye
Als Rollenspiel, das sich z.B. an Baldur’s Gate und Neverwinter Nights orientiert, hatte sich Drakensang einiges vorgenommen. Und tatsächlich erreicht es diese Vorbilder auch in vielerlei Hinsicht, auch wenn es diese nie überholt. So ist die Story solide, wenngleich spannende Fantasykost (man wird merken wovon ich spreche, möchte da nicht zu viel verraten), die Begleiter, die sich dem Hauptcharakter anschließen sind z.T. sehr sympathisch, aber bei Lichte betrachtet auch Fantasyklischees, die leider keine große Entwicklung im Spiel erleben (z.B. trunkener Zwerg, spitzbübiger Spitzbube, herbe Amazone, edler Ritter um nur einige zu nennen, sie weichen nie von ihren vorbestimmten Verhaltensmustern ab) und bei einigen Quests (insbesonderes des Endes der Hauptstory) bemerkt man, dass der letzte Schliff fehlt und viele Dinge dadurch ungeklärt bleiben. So passiert es z.B., dass eine Streunerin verspricht, das Geld, das sie schuldig ist, später zu begleichen. Dies wird bis zum Ende nicht aufgelöst. Solche Versäumnisse fallen noch oft ins Auge, aber ich nenne nur dieses eine Beispiel, da ich – wie gesagt – nicht zu viel verraten möchte.
Leider ist auch die Interaktion noch auf einem Niveau des ersten Teils von Baldur’s Gate. Es geschieht also recht wenig zwischen den eigenen Mitstreitern, abgesehen von einigen sporadischen Kommentaren. Auch die Interaktion des Hauptcharakters mit der Welt ist noch dürftig. Es macht keinen Unterschied, ob ich als hochintelligenter Magier oder einfach gestrickter Krieger in die Welt ziehe, stets werde ich gleich behandelt und drücke mich gleich aus. Auch hat mein Handeln in der Welt wenig Konsequenzen. Zwar muss man hier und da Partei ergreifen, aber wirklich große Auswirkungen hat man nie zu befürchten. Am Rande: Der Abschluss der Hauptquest ist auch diskussionswürdig. Ebenso wie manche lange Wegstrecke gekoppelt mit langsamem Lauftempo und manch monotoner Abschnitt, in dem man wahre Horden gleicher Gegnertypen bekämpft, die bald darauf an Ort und Stelle wieder erscheinen. Zum Glück kommt das nicht zu häufig vor, dort wo es aber vorkommt, lähmt es den Spielfluss.

Drakensang (2008) // Radon Labs

Drakensang (2008) // Radon Labs (Photo credit: Like A Final Boss)

Warum dennoch VIER STERNE? Weil Drakensang eine überzeugende Welt mit einfallsreichen Quests und interessanten Charakteren bietet, das Kampfsystem mir (bis auf einige Kleinigkeiten) sehr gefallen hat und die Story über große Teile gut unterhält und motiviert. Für mich war es – nach Baldurs Gate und Knights Of The Old Republic – mal wieder ein Rollenspiel, in das ich eintauchen kann. In dieser Hinsicht hat Drakensang seine Vorbilder also mehr als genügend erreicht. Nebenbei sei gesagt, dass die Vertonung sehr professionell ist, die Sprecher interpretieren stets passend und ausdrucksstark. Auch die Grafik kann sich sehen lassen, wobei ich darauf keinen großen Wert lege.

FAZIT: Drakensang kann sich in die Riege der großen Rollenspiele einreihen und muss sich dort nicht verstecken. Nun heißt es für die Entwickler: Ans Werk. Die Schwächen ausbügeln, die Stärken erweitern und mit einem Add-On oder zweiten Teil, voll ins Schwarze treffen. Rollenspielfreunden sage ich: der Kauf lohnt sich.

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Februar 2013 von in Aktuelles, SPIEL_box und getaggt mit , , , .

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