Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (2. Teil)

Zweiter Tag (Dienstag): Aufgabe von Siena

 

Mit dem Bus nach Siena. Das Ostello zu finden, war eine nicht geringe Herausforderung, weil Busbahnhof und Stazione FS, an der ich mich orientiert hatte, weit auseinanderliegen und die Orientierung ohne Karte insofern schwierig war, als die Herberge am Ortsausgang liegt. Nach einer reichlichen Stunde Fußmarsch hatte ich es dann aber gefunden. Die drei Stunden bis zum Check-in verbrachte ich damit, eine kleine Wanderung zu einem sogenannten „Belverde“ zu unternehmen. Das erwies sich als ein kleines Nest, ein Vorort von Siena, mit einer Panetteria, einem neu hochgezogenen Wohnpark und einem großen Park mit Spielplatz in der Mitte. Ich las und genoss die Ruhe.

Ein Zimmer im Ostello zu bekommen, war kein Problem. Offensichtlich scheint, zumal es sehr entlegen ist, die Nachfrage gering zu sein. Wie dem auch sei, ich bezog mein Zimmer und begab mich dann auf den langen Weg zurück in die Innenstadt. Viele kleine Gassen mit Geschäften, Bars und Restaurants schlängeln sich bergauf Richtung Dom, der sich strahlend hell über der Stadt erhebt und sie gleichsam krönt. Am Ende einer Seitengasse eröffnet sich – unerwartet – ein riesiger Platz, der, leicht abschüssig, den Blick auf das Rathaus freigibt, dass ob seiner Größe und des hoch aufstrebenden Turmes überwältigend wirkt.

Nettes Detail: Auf dem Weg durch die Altstadt wurde mein Blick auf ein Fenster gelenkt, unter dem eine Wäscheleine gespannt war, an der eine Reihe aufreizender Unterhöschen gleicher Art in unterschiedlichen Farben hing, wie zum Gruß, als wolle deren Besitzerin den zufällig vorbeikommenden Fremden zu sich einladen.

Ich konnte nun auch die Stazione FS ausfindig machen, der gegenüber sich ein Einkaufszentrum befindet, von dem aus eine über mehrere Ebenen erstreckende Rolltreppe den müden Fußgänger in die Altstadt trägt – irgendwie praktisch. Wieder zum Rathausplatz. Auf dem Rückweg kam ich nicht, wie erhofft, zum Busbahnhof, sondern am anderen Ende der Stadt heraus. Der Weg entlang des Autobahnzubringers erwies sich alles andere als angenehm und schien zudem kein Ende zu nehmen. Dabei machte mir ein Muskelkater inzwischen jeden Schritt zur Qual. Das ist definitiv kein Land zum wandern! Glücklicherweise stieß ich auf einen der zentralen Besucherparkplätze, von dem aus mich eine ebensolche Rolltreppe wie vom Einkaufszentrum an der Stazione FS zurück zur Altstadt führte, die ich nun zum dritten Mal durchquerte. Ich kam mir beinahe vor wie der Soldat in Hoerschelmanns Hörspiel „Aufgabe von Siena“, dessen Suche nach einem anständigen Begräbnis für einen unbekannten, gefallenen Kameraden beinahe kein Ende nimmt. Schließlich fand ich den Busbahnhof und nach weiteren zweieinhalb Kilometern erreichte ich erschöpft und durchgeschwitzt das Ostello di Siena.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. August 2013 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , , .

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