Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (3. Teil)

Dritter Tag (Mittwoch): I corpi presentano tracce di violenza carnale

Das Frühstück fiel aus. Ich hatte beschlossen, aufgrund der schlechten Verbindung und um den Tag noch halbwegs nutzen zu können, früh den ersten Zug zu nehmen. Die Route führte mich quer durchs Land über Chiusi und Terontola nach Perugia, dass ich nach dreieinhalb Stunden Fahrt erreichte! In der Mittagshitze machte ich mich auf die Suche nach dem Ostello, wo sich mir das gleiche Bild wie in Siena bot – nahezu keine Gäste. Ich erhielt ein Sechsbettzimmer für mich allein und das zum Preis von 18 EUR pro Übernachtung! Dabei wurde mir versichert, ich könne nur zwei Nächte bleiben, weil sie dann ausgebucht seien. Naja, wie auch immer.

Der Weg zur Innenstadt beziehungsweise dem Altstadtzentrum erschien mir endlos und im Gegensatz zu Siena geht es beständig bergauf. Entkräftet, wie ich vom Vortag war, brauchte ich über eine Stunde. Die Altstadt, weniger reizvoll als Siena, aber mit einem fantastischen Blick, entlohnte die Anstrengung reichlich. Der zentrale Platz weckte Erinnerungen an den Film „I corpi presentano tracce di violenza carnale“, der, in Teilen zumindest, hier gedreht wurde. Darin laufen die Studenten von ihren Vorlesungen kommend ebenso über diesen Platz wie heute die Touristen. Diesen giallo all’italiana hier im Kino zu sehen, wäre ein Erlebnis. Ein psychosexueller Mörder verfolgt und ermordet mehrere Studentinnen. Einprägsam das Bild seiner Maske, sein rotes Halstuch und die schwarzen Lederhandschuhe, dazu die psychedelische Musik von Guido und Maurizio de Angelis, durch die das ganze erst zum Horror wird. So etwas müsste wieder neu gedreht werden. Bleibt zu warten, bis Quentin Tarantino seinen ersten giallo-inspirierten Film dreht, natürlich mit der Musik von Ennio Morricone, den ich letzten September in der Arena di Verona zu erleben das Glück hatte.

Plötzlich lautes Geschrei und Jubelrufe. Ein Gruppe junger Italiener erschien, die ein bunt bemaltes Bettlaken hielten, in dessen Mitte ein Loch geschnitten war, aus dem der Kopf eines leicht verwirrt und etwas desorientiert wirkenden, aber freudestrahlenden Mannes lugte, dessen Haupt – offenbar in Ermangelung von Lorbeer – mit Weinlaub umkränzt war. Er war, wie die Aufschrift verreit, „dottore del…“ – was genau, konnte ich nicht entschlüsseln. Ob er nun wirklich diesen Titel erworben hatte oder es sich nur um eine dem Bierdiplom äquivalente Auszeichnung handelte, war nicht auszumachen. Ich freute mich für ihn und erinnerte mich an meine eigene Feier und kann an dieser Stelle nun – lange erwartet – ankündigen, dass meine Dissertation Anfang September als Buch im Handel erscheinen wird.

Nach Baguette, Parmaschinken und Mailänder Salami ging es zurück durch das nächtliche Perugia zum Ostello, das besonders in den Abendstunden einer einsamen, herrschaftlichen Residenz gleicht, wie die Hazienda del Erina in Karl Mays „Das Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“.

Hagen Schäfer

 

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. August 2013 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , , .

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