Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (4. Teil)

Vierter Tag (Donnerstag): Vento caldo

Ruhetag, der weniger ruhig endete als geplant. Nach ausgiebigem Frühstück mit Croissant, Kuchen und Espresso (vierfach) begab ich mich in Richtung Bahnhof. Da ich den vorgesehenen Zug nicht erreichte, ging ich in einen nahen Park auf halber Höhe zur Altstadt, den ich gestern entdeckt hatte, und schrieb Tagebuch. Der Zug, den ich dann nahm, hatte 25 Minuten Verspätung. Nie habe ich der verspäteten Ankunft eines Zuges entspannter entgegengesehen; ich las und war von der Lektüre so gefesselt, dass ich den Ausstieg in Passignano sul Trasimeno beinahe verpasste. Ich wanderte die Promenade entlang und setzte mich auf eine Bank neben einer Pelargonie. Ich genoss den Blick auf den Lago Trasimeno mit seinen kleinen Inseln, las weiter und vergaß darüber die Zeit. Darüber fing ich mir – kleine Rache der Natur – einen nicht unerheblichen Sonnenbrand ein; da half Sonnencreme dann auch nicht mehr. Entschädigung bot lediglich die interessante Schlusswendung des Buches, das ich mir mitgenommen hatte, gleichsam ein novellistischer Streich des Autors. Mich mit diesem Sonnenbrand noch an den Strand zu legen, der hier nur sehr klein und darüber hinaus noch abgeriegelt ist, kam nicht in Frage.

Ich beschloss, am Ufer entlang zu wandern und mir dann eine ruhige Stelle zum Kühlen meiner entzündeten Haut zu suchen. Beides erwies sich als nicht durchführbar, denn der den See umkreisende Fahrradweg verläuft nicht, wie zu vermuten, in direkter Nähe zum Ufer; vielmehr liegen Privatgrundstücke dazwischen, die einen Zugang zum Wasser nahezu unmöglich machen. Einmal gelang es mir, mich an zwei scharfen Hunden vorbeizuschleichen, allein – hohes Schilf verwehrte mir den weiteren Weg. So blieb mir nichts, als die lange, staubige Schotterpiste unter der glühenden Sonne, genannt Radweg. Als der dann auch unvermittelt an einem Tor mit der Aufschrift „Attenti al cane“ endete, kehrte ich um. Zu allem Unglück stieg ich, so zerstreut kann man gar nicht sein, in den falschen Zug ein und landete wider Willen in Tuoro sul Trasimeno. In der Hoffnung, den nächsten Zug nach Perugia noch zu erreichen, eilte ich auf der staubigen Straße nach Passignano zurück. Diesmal erreichte ich den Zug wieder nicht – heute schon zum zweitenmal –, denn der war ausnahmsweise pünktlich und überholte mich auf meinem Rückweg, den ich nun unfreiwilligerweise gehen musste, weil in Tuoro nicht jeder Zug hält. Alldieweil entdeckte ich in Passignano einen Coop und kaufte mir – nein, kein Gelato, sondern ein eisgekühltes Birra italiana – als Trost und zur Belohnung! Perugia erreichte ich dann doch noch.

Nochmals in die Innenstadt? Nein, zu anstrengend, zu weit weg. Ich entdeckte eine Pizzeria und kehrte ein. Ein Restaurant, das nur von Einheimischen besucht wird, traditionell und ob seiner Originale (bei den Betreibern sowohl wie bei den Gästen) in seiner Art unverbesserlich wie dieses, ist selten! Mario, der Wirt, ein kleiner, dicker Mann, etwa sechzig, mit Brille und Sturmfrisur (als sei der Krieg gerade erst zu Ende), war völlig überfordert, als ein Klavier für die nächtliche Feier von einem untersetzten, vor Anstrengung schwitzenden amico buono angeliefert wurde. Wie das sperrige Instrument durch die mit Blumenkästen verbaute Tür bekommen und wo dann damit hin? Mario entschied: direkt hinter die Tür, so dass alle, die kamen und gingen, vor allem aber die Kellner und er selbst, sich daran vorbeizwängen mussten. Mario war der König des Abends. Die Gäste begrüßten ihn mit Handschlag, Umarmung und Küsschen; dasselbe wiederholte sich bei der Verabschiedung. Jeder schien jeden zu kennen, eine einzige große Familie. Mario brauchte nichts weiter zu tun, als einfach nur da zu sein und zu kassieren und das beherrschte er beides perfekt. Nicht minder interessant war der Kellner. Er verwickelte jeden sofort in ein vertrautes Gespräch, ob bei der Aufnahme der Bestellung, beim Abräumen der Teller oder auch zwischendurch. Dabei hatte er immer ein Lächeln auf den Lippen und einen guten Spruch parat. Als beispielsweise eine junge Frau das Wasser nicht zu kalt wünschte, die eisgekühlte Flasche hatte sie, sehr zur Verwunderung des Kellners, zurückgehen lassen, brachte er Eiswürfel und dann, nach einer Weile, eine normal temperierte Flasche Wasser dazu. Ein ähnliches Prozedere wiederholte sich dann noch beim Salat. Das Essen war übrigens sehr gut und ausgesprochen günstig. Dazu ein wunderschöner, lauer Abend und nachts noch Temperaturen um 27°C – molto bene.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. August 2013 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , , .

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