Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (8. Teil)

Achter Tag (Montag): Garisenda e Asinelli

Weiterreise in die Universitätsstadt Bologna. Ich stellte fest, dass ich nun langsam zum prüfenden Fachmann für Hostels in Italien avanciere. Das Ostello due torri befindet sich leider am Ortsausgang und ist nur mit Bus oder Taxi zu erreichen, was die gewohnte zeitliche Unabhängigkeit einschränkt, zumindest, wenn man sich nicht so gut auskennt, wie ein Ansässiger. Dafür gibt es hier einen sehr guten Stadtführer, eine „Free map for young travellers made by locals“ mit vielen nützlichen Hinweisen, Hintergrundinformationen und Geheimtipps – wie die Pizza im Totò –, ein Projekt, das auch in Turin, Brüssel, Dresden und Porto verwirklicht wurde und auch in anderen Städten umgesetzt werden sollte.

Die unzähligen Arkaden, die den Vorteil mit sich bringen, dass der Fußgänger bei einem Regenschauer trocken bleibt, gehören, mehr noch als die beiden Türme Garisenda und Asinelli zum charakteristischen Erscheinungsbild der Stadt. Eigentlich fehlt nur noch das Wasser, dann könnte man glauben, in Venedig zu sein. Die etwas bedrückende Stimmung der Lagunenstadt, die Thomas Mann in „Der Tod in Venedig“ literarisch einfing, kommt in Bologna aber nicht auf. Beeindruckend ist die Basilica di San Petronico, begonnen mit dem Ziel, die größte Kirche der Welt zu bauen, wurde sie letztlich nie wirklich fertiggestellt. Letztlich musste das Projekt scheitern, weil dem Bau des Petersdoms der Vorzug gegeben wurde und wohl auch nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung standen wie in Rom. Immerhin kann sich Bologna rühmen, die älteste Universität Europas zu haben. Dass ausgerechnet auch das Reformprojekt zur Schaffung eines weitgehend einheitlichen, wettbewerbsfähigen europäischen Hochschulsystems den Namen Bologna erhielt, steht auf einem anderen Blatt. Sonst wirkt Bologna kaum wie eine Großstadt, es hat sich seinen provinziellen Charme erhalten.

Coop hat im Stadtzentrum eine besondere Buchhandlung eröffnet, eine „Buchhandlung der Sinne“, wenn man ihr einen Namen geben wollte, und ein Konzept mit Zukunft, das den Buchhandel nachhaltig verändern könnte. Schon heute zeichnet sich in Buchhandelsketten wie Thalia die Entwicklung ab, nicht mehr nur Printmedien, sondern auch Accessoires rund um Themen wie Wohnen, Freizeit, Schenken zu verkaufen. Coop ist hier noch einen Schritt weiter gegangen: Für das geistige Wohl sorgt eine Buchhandlung im klassischen Erscheinungsbild, für das leibliche zahlreiche Abteilungen mit landestypischen Spezialitäten, Reformhausprodukten und Weinen – alle mit der Möglichkeit, vor Ort zu genießen, sei es nun ein Pinot grigio und eine Antipasti-Variation zu Khaled Hosseinis „E l’eco rispose“, das gerade als Bestseller angepriesen wird, oder einen Tee beim Hören der neusten Einspielung von Palestrinas „Stabat mater“, denn eine Musikabteilung ist ebenso integriert wie eine kleine Videothek; alle Sinne werden hier angesprochen, ein Reich des Schönen und Erlesenen zum Genießen und natürlich auch zum Kaufen.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

Ein Kommentar zu “Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (8. Teil)

  1. R. M. Beyer
    20. August 2013

    Wirklich interessante Vermarktungsstrategie. Heutzutage geht der Trend ja ohnehin zum synergetischen Betrieb: also Laden+Café, Fleischerei+Imbiss, Waschsalon+Restaurant und nun eben auch Buchhandel+Feinkost. Eine stimmige Mischung, wie ich finde, und durchaus auch hier marktfähig. Ist auch ein gutes Beispiel für unternehmerisches Umdenken. Für die meisten Branchen, die sich durch das böse Internet bedroht sehen, ist aber nach wie vor das Jammern und Meckern attraktiver.

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. August 2013 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , , .

Top Beiträge & Seiten

Wenn du unsere Projekte mitverfolgen willst, kannst du per Mail von uns benachrichtigt werden.

Schließe dich 1.111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: