Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Toskana und Umbrien – eine italienische Reise (10. Teil)

Zehnter Tag (Mittwoch): I giardini della paura

Mit dem Zug ging es dem nächsten Reiseziel entgegen: Parma. Das Ostello liegt an der Auffahrt zu einer Schnellstraße am Ortsausgang und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Einkaufszentrum, was immer sehr praktisch ist. Von der Innenstadt selbst war ich positiv überrascht. Parma hat einen fast schon französisches Flair und ist für den Tourismus so gut erschlossen – zahlreiche Hinweisschilder zeigen den Weg zu Sehenswürdigkeiten und erleichtern die Orientierung –, dass sich andere italienische Städte ein Beispiel daran nehmen können. Das ist natürlich auch immer eine Frage des Geldes, was in Parma kein Problem zu sein scheint, zumindest war das mein Eindruck. Aufgrund ihrer vielen kleinen Gässchen und Plätze, ihrer ausgedehnten, breiten Straßen mit herrschaftlichen Villen, die zeigen, wie wohlhabend die Stadt ist, zu einem ausgiebigen Spaziergang ein und das umso mehr, als hier alles sehr sauber und ansprechend ist. Der Fluss, der nahezu ausgetrocknet war und nur ein Flussbett mit zahlreichen Tümpeln zurückgelassen hatte, trübte das Erscheinungsbild ein wenig.

Nachmittägliche Stunde mit frischen Weintrauben im Park. Die Idylle eines solchen Augenblicks wird dann meist durch etwas Profanes getrübt. Letztes Jahr im September, ich saß auf einer einsamen Treppe am Ende einer Gasse am Ufer eines kleinen Kanals in Venedig, durch den ab und zu eine Gondel mit einem singenden Gondoliere und seligen Passagieren gefahren kam, schwamm im Wasser ein benutztes Kondom vorbei. Und nun in Parma, diesmal auf einer Bank im Park, zwei Ratten, die die Umgebung ihrer Behausung nach Essbarem durchstöberten.

Abends frisches Baguette und Parmaschinken. Wie an jedem der vorangegangenen Abende unternahm ich auch diesmal einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt. Gegen 21 Uhr füllten sich die Bars im Zentrum. Schillernde Beleuchtung, flippige Discomusik, eisgekühlte Drinks. Stehend nimmt man einen Aperitif – in der Regel einen Aperol oder ein Spritz – zu sich, anschließend gibt es einen Snack oder man geht in das nächste Restaurant – primi piatti, secondi piatti –, gegen 23 Uhr dann vielleicht noch ein Gelato. Man trifft ein paar Freunde, kommt mit den Freunden der Freunde ins Gespräch und so kann auch ein wöchentlicher Abend sehr lange gehen. Ich selbst genoss die Atmosphäre, ließ mich durch die Straßen treiben, trank eine Cola latina und folgte dann der Ankündigung der giardini della paura. In einem nächtlichen Park, der mit brennenden Kerzen eine ganz eigene Stimmung vermittelte, wurde auf einer großen Leinwand ein italienischer Horrorfilm gezeigt. Die Geschichte ist schnell erzählt: Drei Jugendliche dringen in eine einsame Villa ein, entdecken die verborgenen Reize: Champagner, Trüffel, einen Oldtimer, einen Swimmingpool. Sie genießen die Schönheit des Augenblicks, den Reiz des Verbotenen, während sich das todbringende Es aus der Perspektive der Kamera dem Grundstück nähert, um die Eindringlinge zu töten, so dass aus dem Idyll ein Haus des Grauens, aus der diebischen Freude eine Tortur der Angst und des Schmerzes wird. Lucio Fulci lässt grüßen.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. August 2013 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , , .

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