Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

70 Jahre alter Wein

Liebe Leser,

haben Sie schon einmal 70 Jahre alten Wein in den Händen gehalten?

Ich auch nicht – bis gestern. Allerdings arbeite ich nicht auf einem Weingut, sondern in einem Museum. Dieses beschäftigt sich normalerweise mit Ausstellungen zur Lokalgeschichte des Bezirks Pankow in Berlin. Außerdem führt es eine umfangreiche Objektsammlung. Der übliche Weg neue Archivalien für die Sammlung zu gewinnen, ist meist der Ankauf, häufig gibt es aber auch Schenkungen freigiebiger Spender aus dem Bezirk. Ein dritter Weg ist unvergleichlich spannender.

Gestern hatte ich die Möglichkeit, bei einer sogenannten Notausgrabung dabei zu sein. Der Begriff ist euphemistisch, da es nur darum ging, zu retten, was zu retten ist. Beim Aushub einer neuen Tiefgarage wurde ein Keller entdeckt, mit lauter verrosteten Teilen und vielen alten Flaschen. Viele davon waren kaputt oder stark beschädigt. Doch einige waren nicht nur intakt, sondern noch verkorkt und der Inhalt erhalten. Ein Museumsmitarbeiter erzählte mir nachher, der Fundort sei noch feucht vom Wein gewesen und habe wie eine Spelunke gerochen.

Daneben haben wir ein stark verrostetes Objekt geborgen, dass sich später als Tiegelpresse herausstellt. Wer sich wundert, warum so ein Aufhebens um ein auch heute noch verbreitetes technisches Gerät gemacht wird: es geht bei Sammlungen nicht nur darum, einmalige Gegenstände zu sammeln, sondern auch die (fast vergessene) Geschichte einzelner Straßenzüge zu dokumentieren.

In diesem Fall waren die Keller Teil mehrerer im 2. Weltkrieg zerstörter Gebäude, darunter (wahrscheinlich) eine Weinkellerei. In den 60er Jahren bebaute die DDR schließlich das Gelände mit den üblichen Plattenbauten.

Eine interessante Beobachtung am Schluss. Wir haben im Anschluss auf dem Hof des Museums versucht die Tiegelpresse notdürftig zu säubern – mit Hammer, Bürste und Schraubenzieher. Anders bekam man das Gemisch aus Sand, Zement, Rost und Ölrückständen nicht ab. Während unserer Reinigungsaktion kamen ständig Besucher und Mitarbeiter zu uns, sahen zu, kommentierten oder waren einfach begeistert. Der oder die eine oder andere legte eine spontane Mittagspause ein und half beim Säubern fleißig mit.

So interessant kann ein Arbeitstag sein, wenn man als Geisteswissenschaftler auch in seinem Metier arbeiten kann. Jetzt aber auf Arbeit!

Bis bald!

Euer Manuel

 

Das Museum Pankow befindet sich im Prenzlauer Berg. Zahlreiche thematische Ausstellungen des Museums im ganzen Bezirk dokumentieren die Geschichte dieses interessanten Teils von Berlin. Mehr erfahren Sie hier.

Über Manuel

Manuel Zirm arbeitet in Schwerin als Pressesprecher und berichtet von Zeit zu Zeit über das Leben und Arbeiten in der mecklenburg-vorpommerischen Landeshauptstadt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Juli 2014 von in Aktuelles, kontro_VERSE und getaggt mit , .

Top Beiträge & Seiten

Wenn du unsere Projekte mitverfolgen willst, kannst du per Mail von uns benachrichtigt werden.

Schließe dich 1.111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: