Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Sir Joe: Zwischen Sergio Leone und Bram Stoker (Rezension)

 

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Ich gestehe: es hat selten ein Hörspiel gegeben, dass mich mehr überrascht hat als „Sir Joe“ (WDR). Der Name verweist zunächst auf eine milde Rittersage mit Drachenkopf und einer holden Maid in Not. Tatsächlich gaukelt der Anfang so etwas vor: ein kleines Mädchen erzählt ihrer Mutter von Sir Joe, dem keiner was kann. Doch dann bricht es über mich herein: eine postapokalyptische Western-Horror-Vampir-Romanze voller rauchender Colts und blutbefleckter Eckzähne. Wo das Ganze spielt? Kann man nicht genau sagen! Wann es spielt? Keine Ahnung. Aber es rockt und zwar gewaltig.

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Sir Joe hätte auch überschrieben sein können mit dem Titel „Cowboys and Vampires“, denn genau darum geht es, auch wenn die Handlung irgendwo in Europa spielt. Sir Joe heißt eigentlich Sergio D’Argento und ist gemeinsam mit seinem Gefolgsmann Mario Tarantinez in einen Bürgerkrieg verwickelt. Zunächst stehen sie im Auftrag eines imposanten Generals, doch bald schon setzen sich die beiden ab, vor allem weil der alte Auftraggeber vor Folter und Kindermord nicht zurückschreckt. Auf ihrem Weg stoßen sie auf eine alte Sage um so genannte Bergmenschen, die an Höhlendecken hängen und Blut saufen, um bald darauf in einem keinesfalls idyllischen Dorf auf eine äußerst verdächtige Gemeinschaft zu treffen. Ein durchaus vorhersehbares, aber nichtsdestotrotz grausiges Geheimnis eint die Dörfler. Ach ja, und ganz nebenbei naht die brutale Armee des geprellten Generals. „Sir Joe“ hat in der Tat alles zu bieten.

johnny_automatic_cowboy_on_horseDa hat Bodo Traber ordentlich gezaubert. Buch und Schnitt sind ein Wohlgefallen für mich. Sehr lebendige Dialoge, feiner Wortwitz und eine Menge Action. Dabei erinnert mich der Protagonist da und dort an Thomas Schmuckert alias Dorian Hunter, mit dieser unverwechselbar frotzelig-heldenhaften Haltung. Ohnehin ähnelt der Stil insgesamt sehr den Dorian-Hunter-Hörspielen – inklusive schneller Szenenwechsel, dem Vermeiden störender Erzählerpassagen und einem stets spürbaren Augenzwinkern. Das alles zog mich von der ersten Minute an in diese Welt, in diese Geschichte. Maßgeblichen Anteil daran haben die Sprecher – durch die Regie Petra Feldhoffs bestens geführt. Die Hauptrollen sind mit Nicki von Tempelmann (Sir Joe) und dem congenialen Tim Seyfi (Mario Tarantinez) großartig gesprochen. Ein frisches, sehr natürliches Zusammenspiel. Aber auch das Gegen-Duo aus Oliver Stritzel (General) und dem irren Rodriguez, gespielt von Götz Schulte, machen ordentlich Dampf und bleiben mir sehr lebendig in Erinnerung. Abgesehen von diesen vier deftigen Einzelleistungen ist der gesamte Cast sehr brauchbar. Die Musik tut dann noch ihr übriges, um die Atmosphäre zu schaffen und schon ist es fertig: ein tolles Hörstück.

Fazit: Herausragend geschrieben, herausragend geschnitten, herausragend gespielt. Dieser unorthodoxe Fetzen deutscher Hörspielkultur sollte mit Auszeichnungen übersät werden. Für mich ein weiterer Beleg, dass man stark visuelle Stoffe sehr ordentlich auf eine auditive Bühne stellen kann.

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

2 Kommentare zu “Sir Joe: Zwischen Sergio Leone und Bram Stoker (Rezension)

  1. wer.n
    18. August 2014

    … kann ich nur zustimmen! (… habe dem Autor mal Auszüge Deiner Rezi zukommen lassen – er war schwer begeistert! – Hoffe, ist ok?)

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  2. R. M. Beyer
    18. August 2014

    Danke! Natürlich ist das in Ordnung. Herr Traber soll ruhig wissen, dass er eines meiner Lieblingshörspiele produziert hat.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. August 2014 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , , .

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