Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Vom Bösen: Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Rezension)

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Kein Literaturklassiker könnte besser auf das ausgewiesene Motto „Vom Bösen“ passen als Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Die innere Spaltung zwischen bürgerlicher Moral und trieb-getriebenen Gelüsten wird kaum stärker herausgearbeitet als in dieser zunächst trivial erscheinenden Grusel-Geschichte. Doch wie es sich auch in der Person des Dr. Jekyll verhält, ist dort mehr als das Auge sieht.

Dabei ist dieser Zwist zwischen Über-Ich und Es doch ein psychologisch alter Hut. Weit gefehlt! Stevenson präsentiert dieses Modell quasi zwischen den Zeilen fast 40 Jahre vor Sigmund Freud. Umso seltsamer, dass der Stoff nicht so häufig adaptiert wird wie Bram Stokers Dracula oder Mary Shelleys Frankenstein. 1997 wagten sich Nick McCarty (Bearbeitung) und Annette Kurth (Regie) an den Stoff und schafften eine Umsetzung, die keiner Neuauflage mehr bedarf. In den Hauptrollen des Dr. Jekyll und Mr. Hyde brilliert der mittlerweile leider verstorbene Matthias Fuchs. Gänsehaut! Besonders die berühmte Verwandlungsszene bei Dr. Lanyon hat mich tief beeindruckt und ist aus meiner Sicht nicht mehr besser zu spielen.

Das Stück wird aber auch von Rolf Schult getragen, der Jekylls alten Freund und Anwalt Utterson spricht. Leider ist auch Schult inzwischen gestorben, hinterlässt aber einerseits Christian Schult, der seinem Vater durchaus das Wasser reichen kann, und andererseits einen hervorragenden Eindruck in diesem Hörspiel. Zusammen mit Friedhelm Ptok als Dr. Lanyon geben die drei eine wunderbare Herren-Freundschaft ab. Trotz des zum Teil staubigen Ausdrucks der Vorlage gelingt es den drei Sprechern in den langen Passagen intimer Unterredungen eine sehr glaubhafte Stimmung zu zaubern. Hut ab!

Die Adaption hält sich Gott sei Dank nah an der Vorlage und transportiert das Geschehen in teils ruhigen, teils furios inszenierten Dialogen und lyrisch reizvollen Monologen von Dr. Jekyll. Sowohl das Skript als auch der Schnitt fröhnen klassischer Erzählstruktur und wagen – erneut: Gott sei Dank – nichts Experimentelles. Die Regie und der Cast sind außergewöhnlich gut gelungen – bis in die kleinste Rolle passen Besetzung und Interpretation. Allenfalls die Zeugin im zweiten Teil wirkt anfangs etwas ausdrucksarm, steigert sich dann aber enorm. Um das Hörspiel herum legt sich ein einprägsames musikalisches Thema, stets passend, niemals aufdringlich.

Fazit: Dieses Hörspiel ist eine dringende Empfehlung an alle Freunde des klassischen Grusels, psychologisch anspruchsvoller Prosa und spannend inszenierter Hörspiele. Genug gesagt! Hören!

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

8 Kommentare zu “Vom Bösen: Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Rezension)

  1. Werner Wilkening
    1. August 2014

    Ja, ein überaus interessantes Thema und eine prima geschriebene Rezi,

    lieber „Vetter“

    – möglicherweise ist der Dracula-Stoff „flexibler“, in Bezug auf Orte, Zeiten, dem beteiligten Personal etc. – auch bewegt er sich stlistisch leicht zwischen Drama, Horror und Komödie. (Tanz der Vampire, z.B.) Vor allem aber, da ist Gut:/. Böse klar in den Rollen verteilt, was es dem „Konsumenten“ leichter macht, seine Identifikationsyfigur zu finden:
    Bei Dr. Jekyll und Mister Hýde stoßen wir aber in psychologische Bereiche vor, die uns diese simple Unterscheidung verwehren – und in Verwirrung stürzen können. Vor allem, diese Geschichte enthält schließlich eine Parabel auf unsere ureigenste, innerste, geheimste Psychologische Verfassung – die einen etwas sensibleren Zeitgenossen zu kritischer Introspektion veranlassen könnte – kurz: sie geht damit etwas über die bloße Unterhaltsamkeit grauser, beiß-& blutseeliger Szenen hinaus!

    Aber ich mag solche Stoffe,

    … nur, lieber Martin, wo finde ich denn dieses wunderbare HoerSpiel? – bisher sind mir nur neuere Adaptionen bekannt …

    Gruß Werner

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  2. R. M. Beyer
    2. August 2014

    Da kann ich nur jedem einzelnen deiner Sätze zustimmen. Das ureigene Böse zu erkennen, ist mit Sicherheit unbequemer als blutsaugende Grafen. Zumal die Kinokultur aus Mr. Hyde meistens einen oberstarken, wütenden Hulk macht, während er im Original eher klein und garstig ist (s.o.).

    Zum Link, hier ist das z. B. Hörspiel verfügbar (1. & 2. Teil):
    http://www.wdr5.de/sendungen/krimiamsamstag/drjekyllundmrhyde100.html

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  3. Werner Wilkening
    2. August 2014

    – aber man muss dazu sagen, dass wir ja -alle? – von der Figur des Dracula auch fasziniert sind, denn auch in ihr vereinen sich höchst gegensätzliche Eigenschaften: Eros vers. Tanatos! – Liebe, Lust & Begehren vers. Zerstörung/Tod & Teuff’l. Aber zum Glück gibts ja immer eine Lichtgestalt – in dem Fall: van Helsing, die dem Grausen Grafen sein wohlverdientes Ende bereitet, so dass wir in Ruhe unserer moralischen Reinheit frönen dürfen. Seltsam nur, dass an einem bestimmten Tag im Jahr weitaus mehr „Dracula-Kostüme“ getragen werden, als van Helsing-Masken. (Aber die tragen wir ja so wie so all all-täglich?)

    Interessant ist auch etwas anderes: die Gute Königin und die Böse Hexe vom Sneewittchen war in dem Urmärchen ein & dieselbe Person – den Tod von Sneewittchens Mutter haben die Grimms selber erst dazu erfunden, so weit ich weiß – um der Bösartigkeit der Stiefmutter (= herrlich!!!) den ihr gebührenden Raum zu geben. Finde ich sozial-psychologisch-literarisch bemerkenswert.

    So, den Jekil&Hyde habe ich jetzt 2x – gestern bei Audible (Schwarze Serie, mit u.a. Christian Brückner) und jetzt die wdr-Fasssung. Da krieg icfh ja das WochenEnde was zu hoer’n😉

    Also, lass Dir gutgeh’n und schönes WE

    werner

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  4. Werner wilkening
    7. August 2014

    … nun muss ich sagen, die WDR-Produktion liegt im Vergleich zu der MARITIM-Produktion (Die Schwarze Serie 5) weit vorn. Auch wenn da Größen wie Christian Rhode, Udo Schenk oder Eckard Dux gesprochen haben. Das kommt doch allzu plakativ/moralisch daher, während einem die Figur des Mr. Hyde im besagten WDR-Hoerspiel doch schon in der Einleitung mitten ins Ohr und unter die Haut geht. Der fatalen Logik des Protagonisten kann man sich kaum entziehen, zumal dessen Stimme eher einschmeichelnd-warm rüberkommt. Das ist schon der „Böse Onkel“, kein wütig-irrer Kinderschreck …

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  5. R. M. Beyer
    16. August 2014

    Das gehört zum Faszinierenden an dieser Adaption: man verabscheut recht flott Mr. Hyde, aber kann doch nicht umhin mit Dr. Jekyll mitzufühlen, mehr noch: sich mit ihm zu identifizieren. Schließlich war es pure Rationalität, die ihn ins Verderben lockte. Rückschlüsse auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen sind ausdrücklich erwünscht…

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    • wer.n wilke
      17. August 2014

      … wobei ich gerade bei meiner Recherche darauf gestoßen bin, dass der Stoff etliche 100 X vertont, verfilmt und auch sonst dramatisiert worden ist. Ein doch nicht so unpopulärer Stoff, wies scheint – etliche Comic-Serien haben ihn aufgegriffen und weiter entwickelt. (Hulk z.B.)

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      • R. M. Beyer
        17. August 2014

        Ja, die Liste der Verfilmungen bei Wikipedia liest sich schon beeindruckend – mir war zuletzt der Mr. Hyde aus „Van Helsing“ zu Gesicht gekommen. Der ist aber leider, ebenso wie der Comic-Hyde Hulk, völlig verzerrt als großes Ungetüm dargestellt, wo das Böse doch weitaus kleiner und gemeiner daherkommen kann. Ernsthaft bemühte Adaptionen sind eben eine Seltenheit, deshalb tat mir diese hier so gut.

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      • wer.n
        18. August 2014

        … genau! – vielleicht muss das „Böse“ so übermächtig-gigantisch aufgeblasen werden, damit sich der Kleine, aber gute Mann mal so richtig groß fühlen kann? Nur, was mir an der Story selber auffiel: Auch Mr. Hyde ist ja im Grunde seines Herzens „Tugendwächter“ – : er weist dieses ungezogene, lärmende, aufsässige Kind in die Schranken, kämpft tapfer gegen Sittenverfall und Hurerei – und schlägt schließlich einem „PoliTicker“ („… die habens doch nicht anders verdient!“) auf die Mütze und befreit so das geknechtete Volk von einem „Parasiten“. Zwar werden uns diese Roman-Figuren als moralisch-integer und gut-mütig dargestellt – doch wer weiß: das könnte ebenso nur einen Euphemismus des Autors/Jekylls ausdrücken, der sich auf diese Weise leichter seines „Schattens“ moralisch entledigen kann. Vielleicht steckt in Mr. Hyde doch mehr von Jekyll, als dieser wahr haben will? Schon mancher Moralist und Menschenfreund endete als Tugend-Terrorist. Nunja: das würde jetzt ein bisschen weit führen …

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. August 2014 von in Aktuelles, BÜCHER_kiste, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , , .

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