Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Die letzte Instanz – oder: „Wie Monsieur Poirot aufs Luftschiff kam“ (Rezension)

Cover-LetzteInstanz

Es braucht viele einfallsreiche Rettungssanitäter, um das Medium des Hörspiels am Leben zu erhalten. Einer davon ist zweifelsohne Marco Ansing, der sich u.a. an das Wagnis eines Live-Hörspiels, um dem schwer angeschlagenen Patienten eine lebenswichtige Adrenalin-Injektion mitten ins Herz zu verabreichen. Zu diesem Zweck floss aus seiner und der Feder Kristina Lohfeldts ein Hörstück der besonderen Art. Die Idee kann durchaus Schule machen: das Hörspiel wird durch eine Live-Performance vorgetragen und somit auch visuell reizvoll. Gewissermaßen durchbricht das Hörspiel damit die vierte Wand des Theaters, weil der Zuschauer zu jeder Zeit sieht, dass es sich um Schauspieler und Geräuschemacher handelt. Keine Illusion also. Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Ich jedenfalls habe schon das ein oder andere Live-Hörspiel gesehen bzw. gehört: ich empfehle jedem, dem sich die Chance dazu bietet, mal eines zu besuchen.

Zurück zum hiesigen Hörspiel: „Die letzte Instanz“. Das Abenteuer beginnt in Hamburg 1888, was ein wenig nach Steampunk duftet. Und tatsächlich: mit dem Luftschiff soll es auf Reisen gehen – an Bord ist eine illustre Gesellschaft von Sonderlingen. Nach und nach entspinnt sich das Netz aus Sünden und Intrigen. Jeder hat, salopp ausgedrückt, Dreck am Stecken und nahezu jeder kam oder kommt zu irgendeiner Zeit mit einem anderen Passagier in Verwicklung. Und dann wäre noch dieser geheimnisvolle Katharsist, der im Hintergrund agiert und – so viel sei verraten – Großes plant.

Die Figuren erinnern leicht an eine Agathe-Christie-Verfilmung. Was ist damit gemeint? Nun, die Charaktere sind durchaus, und wie ich vermute: gewollt, überzeichnet und erfüllen ihr jeweiliges Klischee.

 

Da wäre die Emanze aus dem Walkürenclub Elsa Stahl. Kristina Lohfeldt klingt zwar etwas zu jung für diese Rolle, bringt aber den altklugen Zynismus und ihren Männerhass auf den Punkt. Hin und wieder gerät der Feminismus zu stark in den Vordergrund, sodass stellenweise jeder zweite Satz eine politisch-feministische Anspielung ist, aber gut: solche Frauen habe ich durchaus kennengelernt. Insofern kann die Darstellung als glaubhaft gelten.

 

Deutlich exzentrischer spielt Wilba Stein als Chantal LaGrande. Das über-emotionale gehört hier quasi zur Rolle, handelt es sich doch um eine abergläubische und ein wenig selbstverliebte Tänzerin aus dem Varieté. Ich gestehe, hätte Mademoiselle LaGrande anfangs nicht auf ihr Jugendalter hingewiesen, ich hätte eine ältere Grande Dame ala Caballé vor Augen gehabt mit ordentlich Tantencharme und den Cherry in der Hand. Auf der Live-Bühne ändert sich dieser Eindruck dann doch deutlich und der beabsichtigte Altersunterschied zwischen Elsa Stahl und Chantal LaGrande wird durch aufwändige Kostüme sichtbar.

 

Indes: Um festzustellen, dass es sich bei Friedrich Adalbert von Löhn um einen preußischen Offizier handelt, braucht es die Live-DVD nicht. Mit ordentlich Schmackes, kurz, knackig und immer wieder für Lacher gut, sorgen diese Figur und seine Sprecher für so manch herrliche Situationskomik. Wie? Seine Sprecher? Jawohl, auf der DVD spricht ihn Carsten Krabbe und auf der CD Detlef Tams (am Rande: kleiner Fehler im CD-Inlay, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bilder vertauscht wurden). Beide Sprecher gefallen mir in der Rolle, aber vor allem Tams holt alles aus der Figur heraus. Sie bleibt ein Abziehbild, da beißt die Maus keinen Faden ab, denn der Oberleutnant erfüllt jedes denkbare Vorurteil eines preußischen Soldaten, aber von Löhn bringt Würze ins Hörstück.

 

Kommen wir zum Journalisten Hermann Kühn, der hin und wieder einen passablen Monsieur Poirot abgibt, indem er so manchen Informationsvorsprung hat und diese und jene Verwicklung aufdeckt. Martin Sabel fällt etwas aus dem Ensemble heraus, denn seine Rolle ist kein bisschen überzeichnet und wird äußerst glaubhaft gespielt. Anders als bei anderen Figuren hatte ich hier nicht das Gefühl, es mit einer Kunstfigur zu tun zu haben. Insofern erdet er das verrückte Personal an Bord des Luftschiffs etwas und bringt die Natürlichkeit zurück ins Schauspiel.

 

Der letzte in der Runde ist der Katharsist, gewissermaßen der Reiseführer, den Marco Ansing persönlich spricht. Er ist die dicke Spinne im Netz der Großintrige um das Luftschiff und macht das von Anfang an durch seinen leicht hinterhältigen Unterton deutlich. Dadurch bemerkt man dessen dunkle Absichten recht früh, doch die Frage bleibt, welche Absicht das nun sein mag.

Das Stück bewegt sich zeitweise zwischen einem humoresken Lustspiel, einem vertonten Krimidinner und einem dramatischen Kammerstück. Es will tatsächlich in keine Schublade springen und ist auf solche Weise durchweg unvorhersehbar. Besonders zum Ende hin dreht das Ensemble richtig auf. Die Handlung spitzt sich ordentlich zu und bahnt eine nahende Katastrophe an. Das Skript macht also eine Menge richtig, ebenso wie die fulminante Musik, komponiert von Michael Freiherr von Dunkelfels, und die Geräuschfabrik von Natalia Obscura (digital) und Evie Ex Machina (analog), wobei besonders letztere naturgemäß am meisten Eindruck schindet. Schließlich liegt der besondere Reiz eines Live-Hörspiels auch und vor allem in der fantasiereichen Erzeugung von Geräuschen.

In die lobenden Worte mischt sich auch etwas Tadel. Es mag meine persönliche Neigung sein, aber ich hasse jede Form von gesungenem Liedgut in Film, Theater und Hörspiel. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich jeden Song in jedem Disneyfilm herausschneiden (abgesehen von Timon und Pumba). Mich reißen diese Einwürfe 1. nicht vom Hocker und 2. aus der Handlung heraus. Der Liedvortrag in Track 10, sei er auch noch so gut instrumentell umgesetzt, blieb meinerseits ignoriert. Meines Erachtens reißt er zudem ein kleines Loch in den Spannungsbogen. Auch die bereits angesprochene Überzeichnung mancher Figuren bedarf einiger Vorsicht seitens Regie und Skript. Allzu leicht gerät man in die Erwartungshaltung einer Komödie, wenngleich es doch gar nicht beabsichtigt ist. LIVE gesehen, treten die Bedenken jedoch zurück. Das gesehene Sprechschauspiel erweckt einen völlig anderen Eindruck als die reine Hörspielfassung. Daher empfehle ich erneut und immer wieder solche Events direkt zu besuchen oder aber die CD/DVD zu bestellen. Letzteres ist übrigens auf Marco Ansings Autoren-Homepage möglich.

Fazit: Monsieur Poirot kam nicht aufs Luftschiff. Die Geschichte nimmt doch, trotz exzentrischer Charaktere, einen gänzlich anderen Verlauf und weist sogar einen moralischen doppelten Boden auf. Das Hörspiel ist also durchaus hörens- aber vor allem sehenswert!

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

Ein Kommentar zu “Die letzte Instanz – oder: „Wie Monsieur Poirot aufs Luftschiff kam“ (Rezension)

  1. Marco Ansing ist als Autor ein seltener Glücksfall – er kann nicht nur schreiben, sondern auch selbst Hörspiele inszenieren und sprechen. Ich bin daher sehr froh, dass wir ihn als Autoren für die Romanversion unserer Hörspielserie „Cungerlan“ gewinnen konnten. Was es damit auf sich hat, kann man z.B. in Marcos VBlog dazu sehen: http://youtu.be/HQTNpkJNfkM?list=UUIhE1uXLXHtKkyuh9ZILxeQ

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. August 2014 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , .

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