Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (7. Teil)

Siebenter Tag (Mittwoch): Scoliera di Duino

Ein letzter Kaffee, Abschied und Fahrt mit der U-Bahn zum Flughafen. Bekanntermaßen sind die Kontrollen an Flughäfen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sukzessive verstärkt worden. Was hier in Valencia ablief, erinnerte mich sehr an die Zeit davor. Das Personal gab sich nur den Anschein, genau zu kontrollieren; tatsächlich wurden die meisten Passagiere durchgewunken. Die einzigen, die Aufregung in die Abfertigung brachten, waren die Passagiere selbst, die Flüssigkeiten und Kosmetika hervorkramten, Gürtel und Schmuck ablegten, Schuhe auszogen. Ich tat nichts dergleichen und wurde durchgelassen. Lediglich ein müder Blick galt meinem Gespräck. Dann der Gang durch die Lichtschranke. Das war die ganze Kontrolle.

Angenehmer Flug und harte Landung auf dem Flughafen Triest. Die schwülwarmen 25 Grad sind wesentlich angenehmer als die Hitze, die in Valencia herrschte. Die Fahrt mit dem Bus über Monfalcone und Duino in das 37 Kilometer entfernte Triest, die Hauptstadt Friaul-Julisch Venetiens, dauerte nahezu 90 Minuten. Stellenweise entstand der Eindruck, die Reise gehe zum Ende der Welt. Fantastischer Blick auf die Steilküste und das Meer im Abschnitt zwischen Duino und Triest. Diese Küste inspirierte Rainer Maria Rilke zu seinen Duineser Elegien. Heute erinnert ein zwei Kilometer langer Spazierweg an die Aufenthalte des Dichters und erlaubt manch spektakuläre Aussicht auf das Adriatische Meer. Auch James Joyce fühlte sich von dieser Region angezogen. Oft weilte er in Triest, das die Einheimischen übrigens so ähnlich wie ‚Dresde‘ aussprechen, was mich unweigerlich an Dresden erinnerte.

Triest

Vorbei am Castello Miramare ging es im Stop-and-go zur Stazione FS, die der Bus mit reichlich Verspätung erreichte. Mein Hotel, das Alabarda, war schnell gefunden; das Check-in verzögerte sich aber, weil eine vierköpfige Familie aus Frankreich unzählige Fragen beantwortet wissen wollte, um dann grimmig die reservierten Zimmer zu beziehen. Missmutiger als die beiden Söhne habe ich im Urlaub kaum jemanden dreinblicken sehen ‒ als handele es sich um eine Pflichtveranstaltung, an der sie nur mit äußerstem Widerwillen teilnehmen. Ich habe darauf verzichtet, sie zu fragen, warum sie so düster dreinblickten, weil das ihren Unmut wahrscheinlich nur noch verstärkt hätte.

Als ich meinen ersten Stadtrundgang begann, setzte die Dämmerung bereits ein. Heute sollte es aber auch nur um einen ersten Eindruck von dieser Stadt, ihrer multinationalen Einwohnerschaft und wechselvollen Geschichte gehen: Der Canal Grande mit den Fischerbooten und den vielen kleinen Restaurants zur Linken; die Piazza della Unita d’Italia, den wohl größten, direkt am Meer liegenden Platz der Welt, umrahmt von klassizistischen Prunkbauten; schließlich die vielen kleinen Gassen mit Bars, Restaurants und Geschäften, die der Stadt einen ganz besonderen Reiz verleihen.

Canal Grande

Canal Grande

Inzwischen hatten starke Schauer eingesetzt. Ich suchte Zuflucht in der Pizzeria Vesuvo, deren Pizzen ich nur empfehlen kann: Hier gibt es einen hauchdünnen Teig, wie er sonst nur im Süden des Landes, vor allem in Neapel zu finden ist. Überhaupt habe ich mir angewöhnt, nur dort Pizza zu essen, wo die Einheimischen sich selbst auch ihre Pizzen holen.

Nachdem die Schauer aufgehört hatten, ging ich nochmals zum Hafen, wo in einer großen Halle bei Chill-out-House die Werke junger Avantgardisten aus Wien präsentiert wurden. Weiter ging es zur Mole, von wo aus der Blick auf die Altstadt am besten ist und auch das in der Ferne angestrahlte Castello Miramare zu erkennen ist.

Auf dem Weg zum Hotel sprach mich eine Prostituierte an, die offensichtlich noch etwas verdienen musste. Bemitleidenswert, wie sie sich jedem Passanten anbiederte. Bei mir hatte sie keine Chance.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

Ein Kommentar zu “Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (7. Teil)

  1. R. M. Beyer
    3. September 2014

    Sehr stimmungsvolles Foto vom Canal Grande, der hier beinahe wirkt, als hätte man ihn aus Gold gegossen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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