Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (8. Teil)

Achter Tag (Donnerstag): Miramare

In Triest eine günstige Unterkunft zu bekommen, ist schwierig. Wer bereit ist, einen längeren Weg und eine schlechte infrastrukturelle Anbindung zum Stadtzentrum in Kauf zu nehmen, wird nicht nur mit einem deutlich besseren Preis, sondern meist auch mit einem traumhaften Blick auf das Meer belohnt. Das Ostello beispielsweise liegt direkt an der Promenande in unmittelbarer Nähe zum Castello Miramare.

Castello Miramare

Castello Miramare

Das Wetter war weiterhin wechselhaft; vormittags Schauer, nachmittags strahlender Sonnenschein und insgesamt verhältnismäßig kühl. Nachdem ich mein Zimmer im Ostello bezogen hatte, erkundete ich das auf einer schmalen Landzunge liegende Castello Miramare, das Erzherzog Maximilian von Österreich wenige Jahre Annahme der mexikanischen Kaiserkrone erbauen ließ. Er bewohnte dieses Schloss kaum zwei Jahre; 1866 brach er von hier aus nach Mexiko auf, wo er 1867 in den Bürgerkriegswirren hingerichtet wurde. Seine Frau, die belgische Prinzessin Charlotte, verfiel darauf dem Wahnsinn und verbrachte noch zehn Jahre in einem kleinen Palazzo des zum Schloss gehörenden Parks, der ganz im Stil englischer Gärten gestaltet ist.

Das Innere des Schlosses wurde zum Teil erst nach Maximilians Abreise nach Mexiko fertiggestellt. Arbeits- und Schlafzimmer des Herzogs sind einer Schiffskabine nachempfunden; die übrigen Räume sind ganz in der Pracht des zeitgenössischen Historismus ausgestattet, geschmückt mit Portraits der damals herrschenden Fürsten und Könige.

In den späten 1920er Jahren wurde das Schloss von seinem neuen Besitzer, dem Grafen d’Ameo teilweise umgebaut. Auch diesen militärisch hochgeehrten Helden des Ersten Weltkrieges und Flugpionier ereilte sein Schicksal früh. Während des Zweiten Weltkrieges erlag er der Malaria.

Piazza dell Unita d'Italia

Piazza dell Unita d’Italia

Nachmittags erkundete ich die Innenstadt weiter. Diesmal standen zunächst der historische Kern mit der Festung sowie das römische Theater im Mittelpunkt. Natütlich führte mich mein Weg dann erneut zur Piazza dell’Unita d’Italia und zum Canal Grande. Triest ist sehr durch seine wechselvolle Geschichte mit der Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn, Italien, Jugoslawien und seit 1954 wieder Italien geprägt. Neben Italienern lebt hier eine große serbische Minderheit. Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich aber auch in der großen Zahl der Gotteshäuser wider: römisch-katholische, orthodoxe und jüdische.

Blick von der Mole Triest aufs Adriatische Meer

Blick von der Mole Triest aufs Adriatische Meer

Spaziergang zum Yachthafen. Abends aß ich erneut eine Pizza in der Pizzeria Vesuvo. Anschließend musste ich fast eineinhalb Stunden auf den Bus nach Miramare warten. Währenddessen kam ich mit Sebastian aus Wien, der wie ich im Ostello übernachtete, ins Gespräch. Er hat sein Studium in der Phase der Niederschrift seiner Diplomarbeit abgebrochen, sich seinen Bachelor of Arts anerkennen lassen und arbeitet seitdem als Verkäufer in einem Geschäft für Wohnaccessoires. Wir unterhielten uns ausgiebig über die kulturellen und geschichtlichen Wechselwirkungen zwischen Österreich und Deutschland.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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