Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (11. Teil)

Elfter Tag (Sonntag): Ferrara

Zwischen 9:30 Uhr und 12:00 Uhr fährt nahezu kein Regionalzug. Wer den letzten „Morgenzug“ verpasst, muss meist zwei Stunden auf die nächste Verbindung warten oder nimmt einen der deutlich teureren Schnellzüge, wie den Frecciabianca oder den Frecciargento. Das war mir witterungsbedingt nun schon in Triest passiert; heute sollte es sich auf meinem Weg nach Ferrara wiederholen. Das war aber nicht weiter schlimm, weil das Check-in der meisten Ostelli ohnehin erst ab dem frühen Nachmittag möglich ist. Ich nutzte die Zeit zum Lesen.

Waren es in den letzten Jahren vor allem Einwanderer aus Afrika und Asien (vorrangig Indien und Pakistan), die das Straßenbild nicht unwesentlich prägten, sind es nun vermehrt auch Einwanderer aus den arabischen Ländern. In den späten Vormittagsstunden bekam ich stellenweise kaum einen Einheimischen zu Gesicht. Vielmehr konnte ich die Einwanderer beobachten, die, um eine Parkbank versammelt, stundenlange Gespräche führten. Immer wieder schwang sich einer auf sein Fahrrad, fuhr davon, um zehn Minuten später wieder zurückzukehren. Bei einem Schwarzen machte ich mir den Spaß, ihn dabei zu beobachten. Er drehte eine Runde durch den Park und blieb dann wie von ungefähr neben einem etwa 18-jährigen Italiener stehen; versteckt wurden ein paar Geldscheine gegen ein Plastiktütchen getauscht, dann entfernten sich beide voneinander. Der junge Italiener verschwand in eine Seitenstraße; der Schwarze kehrte zu den seinigen zurück. Eine ganz alltägliche Szene.

Castello estense

Castello estense

Das Ostello di Ferrara „Estense“ befindet sich in einem Palazzo am Corso biagio Rossetti inmitten der Altstadt. Als ich das Ostello betrat, blickten mir die Augenpaare von etwa einem Duzend tiefschwarzer Männer entgegen. Im ersten Moment kam ich mir vor, als sei ich in einem Asylbewerberheim gelandet. Wahrscheinlich aber bot das Ostello ihnen als Dauergästen günstige Konditionen; jedenfalls hatten sie und eine kleine Zahl Araber sich hier auf längere Zeit eingerichtet. Das Zimmer, das ich bekam, hätte schöner kaum sein können: Es roch nach frischem Holz und eine riesige Kassettendecke mit eleganten Blumemmustern ließ mich gedanklich in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurückversetzen. Einzig die Einrichtung, die neu war und aus massivem Holz bestand, bildete einen stilistischen Kontrast zu der historischen Deckengestaltung.

Corso ercole i d'este

Corso ercole i d’este

Die Innenstadt von Ferrara besticht durch ihre mittelalterliche Baustruktur, die in späteren Epochen immer wieder durch bauliche Neuerungen angepasst worden ist. Der traditionell gepflasterte und von Palazzi gesäumte Corso ercole i d’este führte mich direkt zum Castello estense, einer Festungsanlage aus dem 12. Jahrhundert mit vier stattlichen Türmen und einer Zugbrücke über den künstlich angelegten Festungsgraben, in dessen Wasser sich die massigen Mauern spiegelten. Vom Castello aus ist es nicht mehr weit zum Rathaus und der Kathedrale, einem romanischen Prachtbau aus dem 10. Jahrhundert, dessen Inneres im klassizistischen Stil umgebaut wurde. Straßen wie die Via delle volte vermitteln ein recht authentisches Bild vom mittelalterlichen Ferrara. Die Altstadt wird von einer riesigen, in sich geschlossenen Stadtmauer umfasst, auf der ein Weg entlangführt, den ich in den frühen Abendstunden entlangwanderte.

Cattedrale di Ferrara

Cattedrale di Ferrara

In Ferrara kam ich erstmals auch wieder in den Genuss des italienischen Gelato. Wenn sonntags auch nahezu kein Geschäft offen hat und die Trattorien noch geschlossen sind, Eis bekommt man fast überall. Abends beobachtete ich auf der Piazza cattedrale des ausgelassene Treiben und schrieb dabei Tagebuch.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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