Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (14. Teil)

Vierzehnter Tag (Mittwoch) Allora, il treno

Bruno Nicolai, der als Komponist lange im Schatten von Ennio Morricone stand und in Zusammenarbeit mit diesem nicht nur Projekte wie die 10 LPs umfassende Kollektion „Dimensioni sonore“ verwirklichte, sondern auch eine Vielzahl der Filmmusiken seines vielbeschäftigten Kollegen einspielte, schuf zahlreiche interessante Instrumentalalben. Zu den bekanntesten gehört „Allora, il treno“, dessen titelgebendes Stück der ideale Begleiter einer Zugfahrt ist. Die knapp sechs Stunden Fahrt mit dem Intercity 605 Bologna-Taranto in das etwa 550 Kilometer entfernte Bari vergingen wie im Flug. Die Strecke führt durch Orte wie Pesaro, Fano, Ancona, San Benedetto del Tronto, Pescara, Termoli und Foggia. Die schönsten Abschnitte sind die, wo der Zug unmittelbar am Küstenstreifen entlangfährt und das Meer zum Greifen nah scheint. Der Zug erreichte Bari Centrale fünf Minuten vor der regulären Ankunftszeit!

Straßenszene in der Altstadt von Bari

Straßenszene in der Altstadt von Bari

Das erst vor wenigen Monaten eröffnete Olive Tree Hostel war schnell gefunden. Einer der Mitarbeiter zeigte mir auf einer handgemalten Karte die Orte, die zu sehen wirklich lohnenswert ist, und gab mir auf diese Weise eine hilfreiche Einführung mit vielen nützlichen Tipps. Als ich gegen 19 Uhr die Via Melo da Bari in Richtung Altstadt entlangschlenderte, schien das Leben auf den Straßen gerade erst zu erwachen – auf der Straßen sind um diese Uhrzeit so viele Menschen zu sehen, wie sonst am ganzen Tag nicht. Noch deutlicher wurde das in der Altstadt. Die engen Gassen wurden nicht nur durch spielende Kinder und hupende Vespa-Fahrer belebt, sondern auch von denjenigen, die sich mit einem Stuhl vor ihre Haustür setzen oder beim Wäscheaufhängen eine lebhafte Unterhaltung von Balkon zu Balkon führen. Ich ließ mich durch die Gassen treiben und genoss die Atmosphäre. Schließlich landete ich auf der Piazza del Ferrarese, wo Einheimische über einem Grill Stücke aus einer Art Nudelteig in heißem Öl frittierten. Überhaupt scheinen frittierte Speisen hier recht beliebt zu sein, auch wenn die hygienischen Standards sicherlich nicht immer eingehalten werden.

Da es schnell zu dunkeln begann und ich noch einen Blick auf die abendliche Promenade werfen wollte, war die Mole San Antonio mein nächstes Ziel. Die untergehende Sonne tauchte die Stadt in orange-rotes Licht.

Altstadt von der Molo San Antonio

Altstadt von der Molo San Antonio

Über mehere Kilometer erstrecken sich die Lichter der Promenade, die besonders in den Abendstunden ihren Reiz entwickelt. Gleichwohl bilden die im Stil der 1920er und 1930er Jahre errichteten Verwaltungsgebäude architektonisch ein deutlich anderes Bild als die Altstadt. Als ich die laternengesäumte Straße einmal auf- und dann wieder abgeschritten war, kehrte ich noch einmal zur Piazza del Ferrarese zurück.

Lungomare N. Sauro

Lungomare N. Sauro

Dort unterhält Drago Innocente seine Pizzeria „Il veliero“, die ausschließlich Straßenverkauf anbietet und bei den Einwohnern sehr beliebt ist. Traditionell werden hier Pizzen in den Varianten rosse (mit Tomatensauce), bianche (ohne Tomatensauce) und fritte (frittierte Calzone) angeboten. Die Zubereitung erfolgt unmittelbar vor den Augen der Gäste. So konnte ich denn auch zusehen, wie meine Margherita, die hier übrigens nur 3,50 EUR kostet, entstand: Der warm gelagerte Hefeteig wurde hauchdünn ausgerollt. Darauf wurde die Tomatensauce verteilt. Darauf wurden zwei Hände voll kleingewürfelten Mozarellas verteilt. Es folgten noch etwas Parmesan, drei Basilikumblätter und – unvermeidlich – mehrere Spritzer Olivenöl. Nach nur wenigen Minuten im Steinofen war die Pizza fertig, die ich mir dann an der Mole mit Blick auf die Fischerboote schmecken ließ.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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