Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (16. Teil)

Sechzehnter Tag (Freitag): Campanile

Mit jedem Tag, den ich weiter nach Süden reise, scheint die Hitze größer zu werden. Heute war es nahezu unerträglich. Schon als ich Bari verließ, brannte die Sonne unerbittlich. Kaum zu glauben, dass es zu gleicher Zeit in Deutschland kalt und regnerisch ist. Mit dem Zug ging es nach Lecce. Vor einigen Jahren hatte ein Kommilitone hier ein Auslandssemester absolviert und war so begeistert, dass ich auf die Gelegenheit, diese Stadt kennen zu lernen, nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte.

Skulpturensammlung im Innenhof eines Palazzo

Skulpturensammlung im Innenhof eines Palazzo

Ich hatte mir ein Zimmer in einer Pension unweit des Bahnhofs reserviert. Nach längerer Suche hatte ich den Palazzo Barocco gefunden, aber keine Menschenseele war anzutreffen. Die Rezeption war verwaist. Der Frühstücksraum sah aus, als hätten die Gäste ihn eilig verlassen müssen. Teller voller Brotkrumen und Resten von Konfitüre, Tassen mit Kaffeerand, zerknitterte Servietten. Nach einigen Minuten, die ich inmitten dieses Chaos der Stille lauschte, erschien ein Schwarzer mit Besen und Putzeimer, der sichtlich verwundert war, hier einen Menschen anzutreffen. Er ließ sich meine Reservierungsbestätigung zeigen, suchte in einem Hinterzimmer nach Unterlagen und erklärte mir schließlich in gebrochenem Englisch, was offensichtlich war: dass ich hier kein Zimmer beziehen könne, weil diese noch nicht fertig seien. Ich könne aber für den selben Preis ein Zimmer in einer anderen Unterkunft bekommen; der Eigentümer sei derselbe. Gesagt, getan.

Er begleitete mich zu einem Palazzo in der Altstadt. Auf dem Weg dorthin fragte ich ihn, woher er komme. Er erzählte mir, als hätte er es einstudiert, dass er bereits seit fünf Jahren in Italien lebe, es ihm hier in Lecce gut gehe und er mit der Arbeit im Hotel zufrieden sei. Ursprünglich käme er aus Somalia.

Im Ausweichquartier bot sich das gleiche Bild wie in der ersten Pension. das Haus war wie ausgestorben. Der Schwarze machte sich auf die Suche nach meinem Schlüssel und erschien nach etwa zehn Minuten mit demselben, scheiterte aber daran, die Tür aufzuschließen. Wieder verschwand er, um mit einem schimpfenden und vor sich hinfluchenden Italiener zurückzukehren, der Mühe hatte, den Schlüssel, der sich im Schloss verhakt hatte, herauszuziehen. Er zeigte mir den Trick, wie die Tür zu öffnen sei.

Nach einer Dusche, die mir kurzzeitig ein wenig Abkühlung verschaffte, erkundete ich die Innenstadt. Der weithin sichtbare Campanile, ein 68 Meter hoher Turm, weist den Weg zur Piazza del Duomo, die neben dem Dom auch von einem bischöflichen Palais und dem Gebäude des Priesterseminars umrahmt wird, die reich verzierte Barockfassaden aufzuweisen haben. Neben dem Palazzo della Prefettura, dem Provinzialmuseum mit archäologischen Sammlungen, ist sicherlich auch der Besuch des mächtigen Castello empfehlenswert. Die Hitze aber verleidete jede größere Anstrengung. Selbst Katzen und Hunde lagen wie tot am Straßenrand und zeigten kaum Reaktion, als ich sie fotografierte. Interessant war die Ausstellung von Skulpturen im Innenhof eines Palazzo. Besonders Salome mit dem abgeschlagenen Kopf Johannes’ des Täufers beeindruckte.

Außerhalb des Altstadtzentrums macht Lecce einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Ich traute meinen Augen kaum, als ich auf einem Zaun unmittelbar neben mir, eine Ratte langspazieren sah, als wollte sie Seite an Seite mit mir laufen.

In den Abendstunden begann sich das Stadtzentrum zu beleben. Rund um die Überreste des römischen Amphitheaters auf der Piazza Sant’Oronzo zeigten Straßenmusiker und Artisten ihr Können. Auf der Suche nach einem Restaurant, dass vornehmlich von Einheimischen besucht wird, gelangte ich in ein Viertel außerhalb des Altstadtzentrums. Während ich mir in einem Supermarkt Getränke kaufte, fiel der Strom aus. Der Einkauf im Dunkeln bei Notbeleuchtung war eine neue, ganz besondere Erfahrung. Als der Strom dann wieder da war, brach das Kassensystem zusammen. Es dauerte bald eine Viertelstunde, ehe die Kassen wieder voll funktionsfähig waren.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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