Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (17. Teil)

Siebzehnter Tag (Samstag): Città dei due mari

Ich war offenbar der einzige Gast auf der Dachterrasse der Pension. Ich begegnete hier keinem anderen Menschen. Da es keine Rezeption gab und niemand auszumachen war, dem ich die Schlüssel hätte geben können, ließ ich dieselben gut sichtbar auf dem Schreibtisch liegen. Ich machte mich auf dem Weg zum Bahnhof, um über Brindisi nach Tarent zu fahren.

Mar Piccolo

Mar Piccolo

Tarent, die Heimatstadt Giovanni Paisiellos und Thomas von Aquins, erstreckt sich in wunderschöner Lage am Ionischen Meer. Alt- und Neustadt trennen das Mar Piccolo vom Mar Grande ab, wodruch die Stadt auch ihren Namen „Città dei due mari“ erhielt. Die 1,2 Kilometer lange Aldo-Moro-Brücke überqert das Mar Piccolo und ermöglicht dem Besucher einen fantastischen Blick auf Tarent. Die Stadt war bereits in der Antike ein bedeutendes Handelszentrum und ist auch heute noch eines der wirtschaftlichen Zentren Süditaliens. Davon zeugen zumindest die riesigen Hafenanlagen und Hallen metallverarbeitender Betriebe. Die Bausubstanz der Altstadt aber befindet sich in besorgniserregendem Zustand.Vom einstigen Glanz ist hier kaum noch etwas zu spüren. Mein Spaziergang durch die engen Gassen wurde zu einer Erträglichkeitsprobe. Der von den Häuserfassaden bröckelnde Putz als Zeichen des baulichen Verfalls war dabei nicht der ausschlaggebende Punkt. Vielmehr waren es der Gestank nach fauligem Fisch, die Müllberge und die in jeder Gasse immer wieder neu entstehenden Rinnsale und Pfützen. Dazu das bejammernswerte Bild heruntergekommener Straßenhunde und abgemagerter Katzen, befallen von Parasiten, mit eitrigen Wunden, entzündeten Gelenken oder Fell, das in Fetzen vom Leibe hing.

Schmuddelige Gasse in der Altstadt

Schmuddelige Gasse in der Altstadt

Die Cattedrale und die Chiesa di San Domenico Maggiore waren verschlossen und auch beim mächtigen, direkt am Meer liegenden Castello Aragonese wurde mir der Zugang verweigert. So verließ ich die Altstadtinsel und überquerte die Drehbrücke zur Neustadt, dem kommerziellen Zentrum. Die Piazza Garibaldi und die zentralen Einkaufsmeilen Via d’Aquino und Via di Palma waren fast vollkommen ausgestorben. Die Geschäfte und Restaurants hatten alle geschlossen und auch die imposante Promenade war menschenleer. Es schien so, als sei die Stadt geräumt worden. Da ich morgens nicht gefrühstückt hatte und nach der ausgiebigen Stadtrundgang hungrig war, hielt ich deshalb lange Zeit vergebens Ausschau nach einer Möglichkeit, etwas Essbares aufzutreiben. Fündig wurde ich in einem der in nahezu jeder italienischen Stadt eingerichteten Selbstbedienungspunkte, wo eine größere Anzahl von Automaten Warm- und Kaltgetränke sowie Snacks und Süßigkeiten bereithalten. Ich entschied mich für ein Panino, das, nachdem ich es gewählt hatte, im Automaten aufgewärmt und anschließend ausgeworfen wurde.

Castello Aragonese

Castello Aragonese

Anschließend machte ich mich auf den Weg zurück zum Hostel, in dem mit Ausnahme von zwei anderen Gästen, von denen ich nur die im Treppenhaus trocknenden Handtücher sah, niemand sonst übernachtete.

Erst in den Abendstunden kehrte Leben in die Stadt ein. Straßen und Plätze, die in den Mittags- und Nachmittagsstunden entvölkert waren, waren jetzt voller Menschen. In einer Bar unweit der Anlegestelle für die Fischerboote in der Altstadt fand ein Karaokewettbewerb statt, bei dem sich Laien mit recht annehmbaren gesanglichen Leistungen ausprobieren konnten. Auf der Piazza Immacolata in der Neustadt spielte ein Jazztrio. Aufgrund einsetzender starker Regenschauer musste deren Auftritt nach nur zwei Titeln abgebrochen werden musste.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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