Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (19. Teil)

Neunzehnter Tag (Montag): Spacca Napoli

Schienenersatzverkehr in Italien! Was in Deutschland schon kaum funktioniert, ist in Italien erst recht eine Katastrophe. Am gestrigen Tag deutete noch nichts darauf hin und auch heute gab es keinen wirklich ersichtlichen Grund. Jedenfalls sollte ein Bus fahren. Leider konnte mir niemand so recht sagen, wo dieser Bus abfahren sollte. Schon gestern hatte ich nach dem ausgeschilderten Gleis der Metro gesucht, – es war nicht zu finden. Die Bahnangestellten wussten es ebensowenig zu erklären wie die Mitarbeiter der Touristinformation, denn deren lapidare Antwort war: Die Metro brauchen Sie nicht. Heute wiesen sie mich zum zentralen Busbahnhof, der sich auf der anderen Seite des Bahnhofes befindet, für Fußgänger aber nur durch einen Umweg von 10 Minuten zu erreichen ist. Den Abfahrtsort des Busses, so dieser denn überhaupt vom Busbahnhof abgefahren war, konnte ich nicht ausfindig machen. Am Bahnhofsvorplatz gab es zumindest noch ein Haltestellenschild für Ersatzbusse von Trenitalia. Der Bus nach Neapel, den ich suchte, startete von dort aber nicht. Schließlich fuhr wenig später – ohne dass es vorher angezeigt worden wäre – doch noch ein Regionalzug nach Neapel. Im Eiltempo raste ich dann diesem Ziel entgegen.

Stazione Marittima

Stazione Marittima

Seit meinem letzten Aufenthalt in Neapel im Jahr 2008 hat sich in Bezug auf die Infrastruktur viel verbessert. Auf dem Bahnhofsvorplatz, der Piazza Garibaldi, ist eine große Metrostation entstanden, durch die enggetaktet eine schnelle Verbindung zum Hafen und zur Altstadt gewährleistet wird. Darüber hinaus ist auch wieder die Straßenbahnanbindung an den Hafen in Betrieb. Der Hafen oder vielmehr die Via Melisurgo, eine Seitenstraße unweit des Castel Nuovo, war mein erstes Ziel, denn dort befindet sich das Hostel of the Sun.

San Francesco di Paola

San Francesco di Paola

Viele private Hostels bieten inzwischen einen kostenlosen Stadtrundgang zur ersten Orientierung und zum gemeinsamen Kennenlernen der neuangekommenen Gäste an. Bislang hatte ich solch ein Angebot nicht wahrgenommen. Da mir Neapel aber bereits bekannt war und ein geführter Rundgang fast immer neue Perspektiven und Erkenntnisse eröffnet, schloss ich mich der Gruppe an. Ein kleiner, etwas dicklicher Italiener, der sich seit dem Abschluss seines Geschichtsstudiums als freier Journalist und Stadtführer verdingt, vermittelte einen wirklich guten Überblick über die Entwicklung der Stadt Neapel und verstand es ausgezeichnet, seine historischen Ausführungen immer wieder mit Anekdoten und witzigen, teils selbstironischen Bemerkungen zu spicken. Seine Führung vermittelte ganz den Eindruck, den bereits Johann Wolfgang von Goethe in seiner „Italienischen Reise“ geschildert hatte: „Daß kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stünden. Man mag sich hier an Rom gar nicht zurückerinnern; gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt am Tibergrunde wie ein altes, übelplaciertes Kloster vor.

Castel Nuovo

Castel Nuovo

Von Enrico Caruso soll der Satz überliefert sein: Einmal noch Neapel sehen, Pizza essen und dann sterben. Ob das die Erfüllung ist, bleibt zweifelhaft. Gleichwohl holte ich mir abends – ja – wieder eine Pizza. In den traditionellen Restaurants, die ein Siegel für die Herstellung der originalen neapolitanischen Pizza führen, ist meist nur nach Voranmeldung ein Platz zu bekommen. Deshalb bleibt oft keine andere Möglichkeit, als sich eine Pizza zum Mitnehmen zu bestellen. Auf die Frage, wo es die beste Pizza gibt, erhielt ich keine zufriedenstellende Antwort. Jeder der drei gefragten Neapolitaner gab mir eine andere Antwort. Inzwischen bin ich der Pizzen, so gut sie hier auch sind, ein wenig überdrüssig. Ich werde fortan wohl auf Bruschetta als Alternative zurückgreifen müssen.

Im Hostel wurde heute übrigens gekocht: Spaghetti alle carbonara! Dort kam ich mit zwei Studenten, gebürtig aus Eutin, ins Gespräch, die stolz verkündeten, während ihres Italienaufenthaltes bislang mehr Wein als Wasser getrunken zu haben. Jedenfalls waren mir diese beiden lieber als zwei Österreicher, die sich weigerten, auch nur ein deutsches Wort zu mir zu sprechen, weil eine Amerikanerin an ihrem Tisch saß, die bestimmte, dass dies ein non-german-speaking-table sei. Toleranz hat eben ihre Grenzen.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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