Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Von Katalonien nach Apulien ‒ Ein Reisebericht (20. Teil)

Zwanzigster Tag (Dienstag): Isola di Capri

In aller Frühe stand ich auf, um die pünktlich 7:25 Uhr auslaufende Fähre nach Capri zu erreichen. Gestern hatte mir eine Angestellte des Hostels den Besuch der Insel regelrecht ausreden wollen: Die Überfahrt sowohl als auch die Preise auf der Insel seien zu teuer; günstiger und mindestens ebenso schon wäre die Nachbarinsel Ischia, wo es auch einen schöneren Strand und mehr Einkaufsmöglichkeiten gebe. Beides fand ich nicht bestätigt. Die Überfahrt kostete mit knapp 24 Euro für Hin- und Rückfahrt nur wenig mehr als die Verbindungn nach Ischia. Vom Schiff erhielt ich einen ganz besonderen Blick auf Neapel, das von der morgendlichen Sonne angestrahlt und in herrlichste Farben getaucht wurde. Selbst auf langsamen Schiffsverbindungen wie der meinigen ist Capri in nur knapp neunzig Minuten Fahrtzeit zu erreichen.

Die Insel mit ihren steilen Felsen erhob sich märchenhaft aus dem Meer und bot, wie es Goethe in seiner „Italienischen Reise“ trefflich formuliert hatte, einen malerischen Anblick, dessen Harmonie nur mit viel künstlerischem Geschick wiederzugeben ist. Mein Ziel war es, einen Großteil der Insel zu Fuß zu erkunden und die fünf Stunden an Land optimal zu nutzen. Deshalb wandte ich mich vom Hafen rasch die Serpentinenstraße hinauf zum Ort Capri. Die Straßen und Wege sind sehr schmal und können deshalb meist nur mit speziell angefertigten Automobilen befahren werden. Dadurch, dass alles kleiner und schmaler scheint, erhält vor allem der Ort Capri seinen bestimmten Charme. Dass die Insel und ihre Bewohner wohlhabend sind, wird nahezu überall deutlich spürbar. Der bauliche Zustand der Wege und Häuser sowie die Pflege und Sauberkeit des öffentlichen Raumes sind deutlich besser als beispielsweise in Neapel.

Ich wanderte zu den Klippen, die von beträchtlicher Höhe sind, steil ins Meer ragen und von denen aus sich atemberaubende Blickwinkel auf die benachbarten Inseln ergeben. Was wäre Capri ohne die vielgerühmten Grotten, deren Besichtigung zum Pflichtprogramm eines jeden Besuchers gehört. Wer keine Yacht sein Eigen nennen oder auf ein Leihboot zurückgreifen kann, dem bleibt nur der Blick vom Land, der nicht minder schön ist. Die Grotten und der nahe Yachthafen sind ein wahres Idyll. Der Aufstieg von mehr als 300 Höhenmetern bei durchdringendem Sonnenschein kostete viel Schweiß. Nachmittags trat ich die Rückfahrt nach Neapel an.

Abends im Hostel lernte ich zwei Holländer kennen. Der eine arbeitete als Personalbeauftragter an einer Universität in den Niederlanden, der andere als Abteilungsleiter in der Produktentwicklung und -vermarktung von Unilever, einem der weltgrößten Konzerne für Lebens-, Wasch- und Reinigungsmittel sowie Kosmetika mit Marken wie Lagnese, Iglo, Knorr, Rama, Becel, Du darfst. Für ihn und seinen Kollegen war das Hostel primär als Ort sozialen Austauschs interessant. Wir unterhielten uns über Personalmanagement und Marketingstrategien und kamen letztlich auf die internationale Wahrnehmung der Niederlande zu sprechen. Beide bestätigten mir, dass die Niederländer durchaus nicht so tolerant und offen seien, wie das durch die liberale Politik und Gesetzgebung des Landes suggerieriere. Das sei nicht zuletzt durch das Erstarken radikaler Parteien deutlich geworden

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. September 2014 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit , .

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