Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Die Rückkehr der Lupine – Zu Besuch bei ProLupin in Grimmen

Als erstes begrüßt uns die Desinfektionsanlage in der Produktionshalle von ProLupin. Hände und Schuhe werden gründlich gesäubert, unsere Haare von einer weißen Haube gebändigt. Eine Hexenküche ist die Produktionsanlage von ProLupin wahrlich nicht. Wer Dampf und Lärm erwartet hat, wird hier enttäuscht. Zwar ist es laut, aber jede Dorfdisko ist lauter. Stattdessen glänzen der Stahl der Maschinen und der Fußboden um die Wette. Irgendwer macht hier immer etwas sauber.106afb84fd

Die blaue Alleskönnerin: die Süßlupine

Im Mittelpunkt steht bei ProLupin die Süßlupine, eine Hülsenfrucht mit vielen Talenten. Das beste: die Lupine ist eine anspruchslose Pflanze. Darum eignet sie sich besonders für magere und sandige Äcker, auf denen außer Roggen wenig wächst. Ihre Samen enthalten viel Protein und eignen sich darum bestens für die pflanzliche Küche. Etwa um pflanzliche Milchprodukte oder Fleischersatz herzustellen. Das Potential der Lupine ist groß, doch erst jetzt entdeckt die Agrar- und Ernährungsindustrie die Lupine.

Das verwundert, denn die Lupine ist bereits seit der Antike eine wichtige Nutzpflanze, ihr Anbau blieb aber lange auf den Mittelmeerraum beschränkt. Erst mit der Züchtung der Speisesüßlupine Anfang des 20. Jahrhunderts rückte die Hülsenfrucht auch in Deutschland stärker in den Blickpunkt, denn die Neuzüchtung erlaubte erstmals die Nutzung der Pflanze als Lebensmittel. So gab es bereits zwischen 1900 und 1914 Versuche Steaks, Käse und Suppen aus Lupinen den Menschen schmackhaft zu machen. Sogar Lupinenkaffee und Schnaps kreierten ganz Mutige. Doch der große Erfolg blieb aus. Der Geschmack der Produkte konnte die Menschen nicht überzeugen. Der erste Weltkrieg tat dann sein Übriges.

Erst in den Neunziger Jahren rückte die Lupine wieder verstärkt in den Blickpunkt. Umfangreiche Forschungen am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung verbesserten das Verfahren zur Gewinnung hochwertigen Proteins aus Lupinensamen. Damit verschwand auch der frühere intensive Geruch nach Bohnen und Gras.

Heute stellen ProLupin und seine Mitbewerber bereits eine große Palette an Produkten aus Lupinen her. Von Jogurt, über Eis und Fleisch bis Aufstrich gibt es alles was das Herz begehrt. Gerade bei den Milchersatzprodukten ähneln Geschmack und Konsistenz der Produkte vergleichbaren Milchprodukten stark, wie wir bei einer Kostprobe feststellen konnten.

Trittbrettfahrer Willkommen!c676aa196f

Der Deutsche Lebensmittelmarkt ist einer der härtesten Märkte weltweit. Wer hier eine neue Marke aufbauen will, braucht ein erstklassiges Produkt, einen langen Atem und (sehr) viel Marketing um für die entsprechende Nachfrage zu sorgen.

Ein Problem der Hersteller sind die Preisschranken der Discounter. So liegt der maximale Einkaufspreis von Jogurt bei 19 Cent pro Becher. Wer die Schranke durchbrechen will, braucht gute Argumente. Seit der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2014 hat ProLupin ein solches gutes Argument. Ziel des Grimmener Unternehmens ist es das Label „Luve“ zu einer Premiummarke auszubauen. Damit lassen sich dann auch bei Discountern Einkaufspreise von mehr als 19 Cent pro Jogurt erzielen.

Der Spruch „Konkurrenz belebt das Geschäft!“ könnte für die Grimmener nicht zutreffender sein. Denn wer Produkte aus der Lupine verkaufen will, der muss überhaupt erst einen Markt dafür schaffen. Und das geht in der Gruppe einfach leichter. Dass dies nicht nur eine blauäugige Annahme ist, zeigt der rasant wachsende Markt für pflanzliche Produkte. Zwar ist der Anteil von Produkten aus Lupinen noch relativ gering, doch schon jetzt droht der eigene Erfolg die Grimmener zu überflügeln. Die Nachfrage bei vielen Lupinen-Produkten ist größer als das Angebot. Auch die Bauern wollen mehr Lupinen auf ihren Feldern anbauen, aber das Saatgut fehlt.

Standortentscheidunga064bba70b

Für Grimmen als Firmensitz entschied sich das Unternehmen aus mehreren Gründen. Es bestand bereits ein Netzwerk mit Bauern in Mecklenburg-Vorpommern und Nordbrandenburg, die am Anbau von Süßlupinen interessiert waren oder diese bereits anbauten. Das örtliche Klärwerk verfügte über ausreichende Kapazitäten und auch die Autobahn ist nah. Probleme bereiten jedoch nach wie vor die geringen Löhne in der Region. Sie machen es schwierig gute Ingenieure für das Unternehmen anzuwerben. Denn es reicht nicht, das einzige gut bezahlende Unternehmen in der Region zu sein. Für die Ingenieure sei die Entscheidung sich in der Region niederzulassen, damit viel zu riskant. Scheitere das Arbeitsverhältnis, gebe es nur noch schlecht bezahlte Jobs in der Region, so Marc Zillmann von ProLupin.

Diese Denkanstöße nehmen wir mit:

Die Süßlupine ist sicher keine Heilsbringerin, aber eine Chance für Mecklenburg-Vorpommern. Produkte auf pflanzlicher Basis werden immer beliebter, der Markt für Produkte ohne tierische Zutaten wächst. Das haben bereits erste Unternehmen in MV erkannt. Ob ProLupin in Grimmen oder Greifenfleisch in Greifswald, sie alle setzen auf die Lupine bei ihren Produkten.

1438ccde71Dabei geht es nicht nur um Geschmack oder gar Ideologie. Die Lupine verfügt über eine Reihe von Vorzügen, wegen denen sie gerade in MV eine echte Chance hat. Sie ist einheimisch, genügsam und ihr Anbau erfolgt gentechnikfrei. Anders als beim Sojaanbau, als Futtermittel oder Eiweißlieferant für Lebensmittel, muss für sie kein Regenwald gerodet werden.

Es gibt auch einige Herausforderungen beim Umgang mit der Süßlupine: der Anbau ist relativ aufwendig. Die Pflanze ist für gute Erträge auf die Symbiose mit Knöllchenbakterien angewiesen ist. Produkte auf Lupinenbasis sind auf Grund der noch geringen Produktionsmengen  relativ teuer und bislang nur im Fachhandel erhältlich. Hier wird es noch einiges an Arbeit brauchen.

Doch der Erfolg kann sich bereits sehen lassen. ProLupin wächst. Doch der wirtschaftliche Erfolg braucht kluge Köpfe und diese gibt es nicht nur umsonst. Gute Löhne bleiben eine wichtige zentrale Aufgabe für die Politik in Mecklenburg-Vorpommern.
– Einheitliche Regelungen in der EU-Bio-Verordnung erzielen. So sind Laugen und Säuren bei tierischen Produkten erlaubt, bei pflanzlichen Produkten jedoch nicht. Hier muss nachgearbeitet werden!
– Gute Ideen kommen immer wieder. Egal ob Elektromobilität oder Lupinen: beide gab es schon einmal. Dank des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts  ist heute ein nachhaltiger Erfolg möglich.
– Den Blick über den Tellerrand wagen. Ob Südamerika oder Mittelmeerraum – Lupinen sind in einigen Kulturen und Länder schon seit langem ein wichtiges Lebensmittel. Warum nicht auch hier?

[Der ganze Artikel erschien auf http://www.gruene-mv.de]

Über Manuel

Manuel Zirm arbeitet in Schwerin als Pressesprecher und berichtet von Zeit zu Zeit über das Leben und Arbeiten in der mecklenburg-vorpommerischen Landeshauptstadt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. August 2015 von in Aktuelles, kontro_VERSE und getaggt mit , , , , .

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