Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (Teil 2)

Zweiter Tag (Dienstag): Museo del Prado

Nach einem kargen Frühstück unternahm ich einen Spaziergang über die Plaza Mayor, die Puerta del Sol, vorbei am Congreso de los Diputados Richtung Museo Nacional del Prado. Kurzentschlossen floh ich der Sonne und ließ mich von der Welt der bildenden Kunst gefangen nehmen. Das Prado ist eines der renommiertesten Kunstmuseen Spaniens und beherbergt neben den Werken spanischer Künstler wie Diego Velázquez, Francisco Goya und dem zugewanderten Domínikos Theotokópoulos (El Greco) zahlreiche italienische, französische, niederländische und deutsche Werke vom Mittelalter bis zur Moderne. Der modernen Kunst ist mit dem Centro de Arte Reina Sofía ein eigenes Museum gewidmet, das Werke von Pablo Picasso, Salvador Dalí und Joan Miró zeigt. Als besonderes Highlight waren im Prado aber zehn Werke von Picasso aus den Beständen des Kunstmuseums Basel ausgestellt, so „Die zwei Brüder“, „Sitzender Harlekin“ oder „Frau mit Gitarre“. Weitaus beeindruckender waren aber die Gemälde der Dauerausstellung. Francisco Goyas „Pinturas negras“ sind verstörend, erschreckend und seltsam anziehend zugleich; beinahe furchterregend „Saturn frisst seine Kinder“ und „Zwei alte Männer beim Essen“ ‒ Blicke können mehr als nur Angst und Hass ausdrücken, sondern auch den Tod. Ausgestellt ist auch Goyas Klassiker „Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808“ sowie die beiden Werke gleichen Motivs „Die bekleidete Maja“ und „Die nackte Maja“ ‒ reizender ist übrigens die Bekleidete, weil die Farben gleichsam voller und die körperlichen Vorzüge durch die Kleidung mehr betont als verborgen werden, wie überhaupt die direkte Darstellung oft plakativ ist und meist auch der Ästhetik entbehrt. Eine Ausnahme bildet beispielsweise „Die Frau an den Klippen“ eines französischen Künstlers. Beinahe fotorealistisch wird hier ein vollendet weiblicher Körper mit fantastisch-zeitlosen Gesichtszügen und der anziehen Küstenlandschaft mit aufschäumender Gischt lebendig. Das Zusammenspiel von Licht, Schatten und spiegelndem Meereswasser hat Sorolla in „Kinder am Strand“ kongenial umgesetzt. Körperliche Anmut steht im Mittelpunkt von Rubens „Die drei Grazien“. Das Gemälde wurde übrigens direkt nebenan von einem Maler kopiert, ein Phänomen, das ich hier im Prado fünfmal habe beobachten können. Ich muss gestehen, dass die entstehenden Duplikate täuschend echt wirkten, auf den ersten Blick zumindest.

Museo Nacional del Prado

Museo Nacional del Prado

Überrascht war ich, dass das Museo del Prado eine Reihe bekannter Werke deutscher Maler in seiner Dauerausstellung präsentiert. Von Albrecht Dürer sind es gleich drei: das Selbstbildnis, das Doppelgemälde „Adam“ und „Eva“ sowie das Bildnis eines unbekannten Kaufmannes. Einen persönlichen Höhepunkt bildeten für mich die surrealen Werke des Niederländers Hieronymus Bosch, allen voran „Der Garten der Lüste“. Fantastisch und eigenartig, teils verstörend wirkt dieses Triptychon von der Erschaffung der Welt, dem Garten Eden und der Verdammnis. Mit welch einzigartigem Ideenreichtum und unglaublicher Detailtreue Bosch hier arbeitete, ist ergreifend. Die Betrachter, mich eingeschlossen, waren wie gebannt von diesem Bild.

Plaza Cibeles

Plaza Cibeles

Im Anschluss an den Besuch des Prado streifte ich noch ein wenig durch die Viertel Huertas und Salamanca. Dann ging es mit der Metro zurück nach der Plaza de Isabell II. Nach einer ausgiebigen Stärkung machte ich mich abends wieder auf den Weg Richtung Malasaña und Chueca, die sich heute deutlich anrüchiger zeigten, als ich gestern vermuten konnte. Die Zahl der Szeneclubs und -bars ist erstaunlich groß. Je später es wird desto mehr läuft man Gefahr, unvermittelt angesprochen oder gar begrapscht zu werden. Besonders zudringlich sind die Prostituierten, deren Straßenstrich sich unmittelbar neben gefüllten Restaurants in der Fußgängerzone der Calle Montera befindet. Von „Vamos!“ bis hin zum an den Arm hängen oder sich mit ausgebreiteten Armen penetrant in den Weg stellen, war alles dabei. Gleiches galt für die Prostituierten selbst: Von der attraktiven Blondine bis zum abgetakelten Transvestiten war alles dabei. Mehr und mehr überkam mich ein Gefühl des Widerwärtig-Abstoßenden. Der Kontrast zwischen der Kunstwelt des Prado und der profanen Realität der Straße könnte größer kaum sein. Vielleicht würde Picasso kommentieren: „No nos damos cuenta de que son todas iguales sobre planos diferentes.“

Abendliches Rendezvous an der Plaza Espana

Abendliches Rendezvous an der Plaza Espana

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. August 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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