Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (5. Teil)

Fünfter Tag (Freitag): Alhambra

Das landestypische Frühstück, das ich heute Morgen kennenlernte, besteht aus geröstetem Weißbrot, das mit Olivenöl beträufelt und anschließend mit einer Masse aus frisch pürierten Tomaten bestrichen wird; wahlweise kann dann noch mit Pfeffer und Salz nachgewürzt werden. Beliebt sind natürlich auch Croissants und allerlei zuckersüße Biskuitkreationen, aber das gibt es auch andernorts. Beim Frühstück lernte ich Sofienne, einen Franzosen mit marokkanischen Wurzeln aus Grenoble kennen, der soeben sein erstes Jahr der classe préparatoire (zur Zulassung für ein Studium an einer Universität) in Marseille abgeschlossen hat und auf der Reise zu den Verwandten seines Vaters nach Rabat ist. Wir beschlossen, am täglich angebotenen freien Stadtrundgang teilzunehmen. Da die Teilnehmer fast alle des Spanischen mächtig waren, beschloss Martha, die Stadtführerin, sehr zu meinem Leid, die Tour in ihrer Muttersprache durchzuführen. Sofienne erwies sich als nicht gerade eben zuverlässiger Übersetzer. Zu seiner Entlastung muss ich gestehen, dass ich Marthas Ausführungen aufgrund einiger Wörter, die ich verstand oder deren Bedeutung ich mir herleiten konnte, und ihrer Gestik und Mimik leidlich folgen konnte. Allerdings waren Sofienne und ich sowohl von Martha als auch einer etwa 15-jährigen Spanierin im Rollstuhl so hingerissen, dass wir dem gesprochenen Wort ohnehin nur mit geteilter Aufmerksamkeit folgten. Unweigerlich musste ich an die Gelähmte in Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“ denken, wenngleich die hübsche Spanierin mit dem feingeschnittenen Gesicht lediglich zeitlich begrenzt, aus Rehabilitationsgründen, an den Rollstuhl gefesselt war und von ihrer Familie aufopferungsvoll umsorgt wurde.

Generalife-Palast

Generalife-Palast

Von der Plaza Nueva ging es zur von den Mauren errichteten Universität, über die Gasse der arabischen Händler (Mercado de Artesania) bis hinauf in die gestern bereits besuchte Altstadt, wo die Führung endete. Leider fiel der Name des in Fuentevaqueros, unweit von Granada geborenen Federico Garcia Lorca kein einziges Mal in Marthas Führung. Sofienne, ich und noch zwei junge Polinnen, Medizinstudentinnen, wie sich später herausstellte, die einen Hospitationsmonat in einem Krankenhaus in Murcia absolvieren werden, beschlossen, eine Kleinigkeit in einer Bar zu trinken und etwas zu essen. Wer in Granada in einer Bar ein Bier bestellt, erhält mit dem Getränk ein Tapas des Hauses gratis dazu. Wie sich herausstellte, war es in unserem Fall – ganz und gar landestypisch (!) – ein Hot Dog. Sehr zu empfehlen ist das schmackhafte landestypische Bocadillo belegt mit einem dünnen Schweinesteak, Schinken, Käse, Tomaten und Salat. Die Polinnen waren sehr schüchtern und das Gespräch kam aufgrund sprachlicher Unzulänglichkeiten nur sehr stockend in Gang. Sofienne leistete sich einen Fauxpas nach dem anderen. Interkulturelle Kommunikation hat nun einmal ihre Tücken. Anschließend war er so erschöpft, dass er sich nach einem Eis am Kolumbus-Denkmal zu einer Siesta verabschiedete, während ich den Weg hinauf zur Alhambra nahm.

Alcazaba

Alcazaba

Die Alhambra war der Hauptsitz und das kulturelle Zentrum der maurischen Herrschaft in Spanien; ihre Blütezeit erlebte der Herrschaftssitz unter den Nasriden. Die „rote Festung“ reicht in ihrer Entstehung bis auf das Jahr 1237 zurück, als Muhammad I. al-Amhar Spanien beherrschte. Der Komplex, der im Laufe seiner Geschichte zahlreiche illustre Persönlichkeiten angezogen hat, mit Washington Irving sei hier nur einer der Bekanntesten genannt, wurde 1984 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Eine Eintrittskarte für die Alhambra zu bekommen, gilt als besondere Herausforderung. Ich hatte Glück: Ohne Vorbestellung bekam ich sofort, ohne anstehen zu müssen (ich hatte wirklich niemanden vor mir, nur die Vorbesteller in der Nachbarreihe) meine Karte mit der letztmöglichen Besichtigungszeit des Nasridenpalastes in der Zeit zwischen 19 und 20 Uhr. Bis dahin standen mir noch gut zweieinhalb Stunden zur Verfügung, um die Gärten und Wasserspiele rund um den Generalife-Palast, die Alcazaba und den Palast Karls V. zu besichtigen.

Blick von der Alcazaba auf die Altstadt (Albaic¡n)

Blick von der Alcazaba auf die Altstadt (Albaic¡n)

Die Gärten der Alhambra zeigen einmal mehr, dass es eine besondere Eigenheit der maurischen Herrscher gewesen sein muss, einen Großteil ihrer Freizeit in ihren Gartenanlagen zu verbringen, um auf diese Weise im Einklang mit sich selbst und der Natur zu kommen. Ihre Freizeit war der Regeneration und nicht dem gesellschaftlichen Leben gewidmet. Letzteres brachten ja bereits die alltäglichen Regierungsgeschäfte mit sich. Die Suche nach Einsamkeit, um mit sich und seiner Umwelt ins Reine zu kommen, dieser Selbstfindungsprozess ist durch die Renaissance der Pilgerwege, besonders des spanischen Jakobsweges, gefragt wie lange nicht mehr.

Nasridenpalast

Nasridenpalast

Jeder Teil der Alhambra beeindruckt für sich: der Generalife-Palast mit der architektonischen Raffinesse des Patio, die Gärten mit ihrer Fülle an Pflanzen und den vielfältigen Wasserspielen, die Alcazaba mit ihre wuchtigen Verteidigungsanlagen und den atemberaubenden Blick auf Granada und schließlich – als eigentlicher Höhepunkt – der Nasridenpalast mit dem Reichtum der künstlerischen Gestaltung von Decken, Wänden, Säulen und Brunnen – eine wahre Pracht und Zeichen der vormaligen Vorreiterrolle des arabischen Kulturraumes vor dem mittelalterlichen Abendland. Diese Eindrücke nachwirken lassend, machte ich mich auf dem Weg zu meiner Unterkunft.

Wandverzierungen im Innern des Nasridenpalastes

Wandverzierungen im Innern des Nasridenpalastes

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. August 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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