Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (6. Teil)

Sechster Tag (Samstag): Sierra Nevada

Für den heutigen Tag hatte ich einen Ausflug in die Sierra Nevada geplant. Sofienne, der Vorbereitungen zu seiner Weiterreise nach Marokko traf, km als Begleiter nicht in Frage, dafür aber Gerhard aus Wien, den ich gestern bereits kennengelernt hatte, als er ein Dutzend Karten an Freunde und Bekannte in Europa und Südamerika schrieb. Nicht zuletzt weil er in einem Freilichtmuseum arbeitet, war er sofort begeistert, als er hörte, worum es ging. Weder er noch ich waren in den letzten fünf Jahren alpin unterwegs, so dass die Vorfreude umso größer war. Schwierig nur, öffentliche Verkehrsmittel ins Gebirge zu finden. Der letzte Bus nach Pradollano war bereits abgefahren. Schließlich fragte ich, was denn dagegen spricht, ein Auto zu mieten. Dank Gerhards ausgezeichneter Spanischkenntnisse – er lehrt auch Spanisch und unterhält zahlreiche Kontakte nach Mexiko – und des Vermittlungsgeschicks der Rezeptionistin Carmen, saßen wir 12 Uhr in einem neuwertigen Fiat Panda (Allianz versichert!), der zwar sehr klein war, unseren Zwecken aber genügte.

01_Auf dem Weg nach Pradollano

Auf dem Weg nach Pradollano

Der Verkehr in Granada ist, wie in den meisten Städten Spaniens, sehr gewöhnungsbedürftig. Die Straßen sind fast ausnahmslos Einbahnstraßen. Bei nahezu jeder zweiten Kreuzung handelt es sich um einen teils mehrspurigen Kreisverkehr. Als Autofahrer kommt man kaum 100 Meter voran, ohne an einer roten Ampel – derer es unverhältnismäßig viele gibt –, einem Zebrastreifen oder einer gleichrangigen Kreuzung anhalten oder zumindest abbremsen zu müssen. Die Ampeln, Kreisverkehre und sonstigen Verkehrsberuhigungen zwingen geradezu zur Entschleunigung. Ohnehin herrscht fast überall ein Tempolimit von 30 km/h. Wer schneller fährt, wird zwangsläufig ausgebremst. Abgesehen davon, dass die innerstädtische Beschilderung den Ortsunkundigen mehr verwirrt als ihm den richtigen Weg zu weisen und die unzählige Folge von Kreisverkehrssystemen die Orientierung noch mehr erschwert, fand ich den Weg Richtung Autobahn nach einigen ungewollten Umwegen doch. Der Fiat hatte aber so wenig PS, dass ich am Berg mit durchgetretenem Gaspedal auf bis zu 45 km/h zurückfiel. Die Serpentinen waren für das kleine Auto dann eine echte Herausforderung.

Blick in die Sierra Nevada beim Aufstieg zum Pico Veleta

Blick in die Sierra Nevada beim Aufstieg zum Pico Veleta

Die höchstmögliche, mit dem PKW erreichbare Station, Albergue Universitario, erreichten wir dann doch glücklich. Von dort ging es bei sengender Sonne noch etwa eintausend Höhenmeter zu Fuß weiter. Am späten Nachmittag erreichten wir den Gipfel des Pico Veleta, der mit 3396 Metern der zweihöchste Berg der Sierra Nevada und damit auch der iberischen Halbinsel ist. Am Gipfel trafen wir auf eine Gruppe Spanier, die von Granada mit dem Fahrrad bis hier hinauf gefahren sind – eine beachtliche Leistung für Laien! Die waren so glücklich, dass sie Gummitiere und Nüsse verteilten. Der Panoramablick über die Sierra bis hin zum Meer (das marokkanische Atlasgebirge war leider nicht auszumachen) und die Gebirgszüge des restlichen Andalusien war spektakulär. Allein Schnee gab es nur an einigen verborgenen Stellen, zu denen Gerhard hinkraxelte, um einen kleinen Schneemann als österreichischen Gruß an die Welt zu bauen. Beim Abstieg sichteten wir sogar ein paar Gämsen und wurden Zeugen einen fantastischen Sonnenunterganges. Als wir wieder an der Bergstation anlangten, war es bereits 22 Uhr. Auf halbem Weg nach Granada machten wir noch einen Halt in einem Restaurant, um ein kleines Nachtmahl zu uns zu nehmen.

Blick vom Pico Veleta

Blick vom Pico Veleta

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. August 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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