Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (7. Teil)

Siebenter Tag (Sonntag): Almería

Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg, das Auto zurückzugeben und begab mich dann, nach einer kurzen Verabschiedung von Gerhard, direkt zum Busbahnhof, um per Supraclass – der Komfort dieser ALSA-Busse mit Ledersitzen, viel Beinfreiheit und einem kleinen Snack lohnt den Aufpreis – nach Almería zu fahren. Die Landschaft der Sierra Nevada und (soweit von der Autobahn zu sehen) der Wüste rund um Santa Fé de Mondújar und Rioja wirkt inspirierend. Das Gebiet rund um Almería ist die trockenste Region des Landes mit ausgedehnten wüstenähnlichen Gebirgszügen, das, je mehr man sich Almería nähert, vom Bild endloser, weißüberdachter Gewächshäuserreihen für den Anbau von Treibhauskulturen geprägt wird. Dadurch, dass die Region halb Europa mit Obst und Gemüse versorgt, hat sie einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Aber um welchen Preis! Ohne künstliche Bewässerung würde hier kein Halm wachsen. Unmengen an Wasser werden benötigt, um die Monokulturen überhaupt anbauen zu können. Die Süßwassergewinnung aus dem Meer mittels riesiger Entsalzungsanlagen ist eine weitere Begleiterscheinung. Insofern wirken die endlosen Gewächshäuserkonstruktionen beängstigend. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass diese ohnehin schon sehr trockene Region immer mehr verwüstet.

Cerro de San Crist¢bal

Cerro de San Crist¢bal

Almería ist industriell geprägt. Das Stadtbild wird beherrscht vom Hafen, der ein wichtiger Umschlagplatz der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Eisenerze ist. Letztere wurden bis 1970 vom Bahnhof über einen riesigen Bahndamm zu einer schienenführenden Stahlrampe, den Cable Inglés, und von dort direkt auf die Schiffe verladen. Heute stellt diese riesige Stahlkonstruktion ein für Spanien sicherlich einzigartiges Industriedenkmal dar.

Gasse in der Altstadt von Almer¡a

Gasse in der Altstadt von Almer¡a

Die Estación Intermodal, der Hauptbahnhof, besteht aus zwei Gebäuden, von denen das sehr ansprechende, reich verzierte historische, nur noch repräsentativen Zwecken dient und nicht mehr genutzt wird, und einem modernen, einem Zweckbau, der Zug- und Busstation in einem ist. Über eine Fußgängerbrücke überquert man den Gleiskörper und gelangt so in den östlichen Teil der Stadt, der Neustadt, in der sich ein Großteil der Hotels und die Strandpromenade befinden. Im westlichen Teil liegen die Altstadt mit der zentralen Einkaufsstraße Paseo de Almería, die wenigen historischen Sehenswürdigkeiten und der Hafen.

Almería empfing mich mit deutlich höheren Temperaturen als Granada, die aufgrund des regelmäßig wehenden Meereswindes aber nicht als zu drückend empfunden werden. Als ich mir in den Nachmittagsstunden einen ersten Überblick verschaffte, wirkte die Stadt wie ausgestorben. Während der Siesta scheint hier jegliches gesellschaftliches Leben danieder zu liegen. Auf dem Rathausplatz kam ich mir vor wie in einem Western von Sergio Leone: Stille, ein halb losgelöstes Transparent wird vom Wind unentwegt gegen die Hauswand des Rathauses geschlagen, eine Zikade beginnt ihr Gezirpe, andere Zikaden stimmen ein und verstummen bei der ersten Bewegung meinerseits sofort; dann ist wieder nur das klatschende Geräusch des Transparentes zu hören. Fehlte nur noch, dass ein Pistolero um die Ecke kommt und der Showdown für ein Duell gegeben ist.

Cable Ingles

Cable Ingles

Wirklich scheint es hier eine Menge Orte zu geben, an denen es nicht ganz geheuer ist. So zum Beispiel im Armenviertel Barrio de la Chanca, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Alcazaba befindet. Die Polizei warnt, sich dorthin zu begeben. Gleich nebenan erhebt sich Cerro de San Cristóbal, eine felsige Anhöhe mit einem Aussichtspunkt mit einer großen Christusfigur, die in Anlehnung an das Vorbild in Rio de Janeiro errichtet worden zu sein scheint. Dieser Aussichtspunkt gilt als Treffpunkt der Drogenszene und Straßenstrich. Diese Orte meidend, steuerte ich die Maurenfestung Alcazaba an, fand sie aber leider verschlossen; auch einige Stunden später hatte ich kein Glück. Ich werde es übermorgen ein drittes Mal versuchen.

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. August 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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