Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (12. Teil)

Zwölfter Tag (Freitag): Catedral de Sevilla

Morgens ging es mit dem Bus über Écija, das mit seinen Kirchtürmen für einen Besuch lockte, nach Sevilla. Die viertgrößte Stadt Spaniens ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Andalusiens. Eng verbunden mit dem Namen dieser Stadt, sind Schillers Don Juan, Bizets Carmen und Rossinis Barbier von Sevilla längst zum Inbegriff des weltweiten Bildes über Spanien geworden. Überhaupt zeigen diese drei Beispiele, dass das kulturelle Gedächtnis des Landes lange Zeit von außen geprägt wurde. Besonders deutlich wird das im Hinblick auf spanische Musik, die in der Regel nicht von heimischen, sondern ausländischen Komponisten geschrieben wurde. Erst Komponisten wie Manuel de Falla und Joaquín Rodrigo prägten die nationale Musiktradition.

Catedral y Giralda

Catedral y Giralda

Angekommen an der Estación de Autobuses Plaza de Armas, einem der beiden großen Busstationen, hieß es bei drückender Hitze einen längeren Fußmarsch in die leider etwas abgelegene Jugendherberge zu unternehmen. In den frühen Nachmittagsstunden begann ich mit meiner ersten Erkundungstour, die mich zunächst durch den Jardines de El Prado de San Sebastián, den Jardines de Murillo und die engen Gassen rund um den Palast Real Alcázar zur Kathedrale führte. Diese sollte gemäß den Vorstellungen der Bischöfe so groß werden, dass jeder, der sie sieht, die Erbauer für verrückt hält. Das Ergebnis ist der größte gotische Sakralbau der Welt, mit seinen 116 Metern Länge, 76 Metern Breite und Kuppelhöhe von 56 Metern eine wahrhaft monumentale Kathedrale. Der Glockenturm, Giralda, ist ähnlich wie bei der Mezquita in Córdoba auf ein Minarett zurückzuführen.

Jardines de Murillo

Jardines de Murillo

Das Innere der Kathedrale enthält eine Fülle an Kunstschätzen, die hier nicht aufgezählt werden sollen. Nur auf ein Kuriosum will ich eingehen: In der Mitte des südlichen Querschiffs befindet sich nämlich das Grab des Christoph Kolumbus. Testamentarisch hatte er verfügt, in Amerika begraben zu werden, doch hielten die Verantwortlichen dort keine Kirche für würdig, so dass sein Leichnam zunächst im Sterbeort Valladolid beigesetzt wurde. Doch schon drei Jahre später, 1509, wurden seine sterblichen Überreste Sevilla in ein Kloster, von dort 1537 nach Santo Domingo und schließlich nach Kuba überführt. Dort schienen sie aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen nicht sicher und wurden 1898 zurück nach Spanien verschifft und gelangten so in die Kathedrale nach Sevilla, neben die seines Sohnes. Inzwischen hatten aber Arbeiter in Santo Domingo einen Sarg mit der Aufschrift „Cristobal Colón“ entdeckt. Waren demnach 1778 die falschen Gebeine nach Kuba verschickt worden? Das Resultat war ein Streit zwischen Spanien und der Dominikanischen Republik, wer die wirklichen Überreste des Kolumbus besitzt. Mittels eines DNA-Abgleichs mit den Knochen des Sohnes, der einwandfrei identifiziert werden kann, wurde festgestellt, dass die in der Kathedrale von Sevilla beigesetzten Knochenreste eindeutig Christoph Kolumbus zugeordnet werden können. Es handelt sich aber lediglich um zweihundert Gramm Knochenmasse und damit nur um etwa fünfzehn Prozent des Skeletts. Insofern ist es gut möglich, dass in dem Sarkophag in Santo Domingo ebenfalls Überreste des „echten“ Christoph Kolumbus liegen. Bislang weigern sich die Behörden dort, eine vergleichende Untersuchung durchführen zu lassen.

Plaza Espana

Plaza Espana

Zum wirtschaftlichen Aufstieg Spaniens und Portugals trugen die Entdeckung neuen Welt und die Schätze der Indianer Nord- und Mittelamerikas entscheidend bei. Von der einstigen Weltmachtstellung Spaniens zeugen heute lediglich die herrschaftlichen Bauten jener Zeit. Erst 1929 anlässlich der Ibero-Amerikanischen Ausstellung entstanden, zeigt das prunkvolle, palastähnliche Gebäude auf der Plaza España sehr eindrücklich, welch selbstbewusstes Bild die Erbauer von der Geschichte ihres Landes zu vermitteln suchten. So werden auf bunt bemalten Kacheln die geschichtlichen Höhepunkte einer jeden spanischen Provinz dargestellt. Der umliegende Parque de María Luisa birgt aber noch viel mehr, vor allem Museen. Ich verbrachte auch die Abendstunden dort, bot sich doch die Gelegenheit einer Filmaufführung unter nächtlichem Himmel beizuwohnen.

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. August 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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