Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (16. Teil)

Sechzehnter Tag (Dienstag): Jerez de la Frontera

Die Weltstadt des Sherry zu besuchen, gehört für Andalusienreisende zum Pflichtprogramm. Dass ich die Stadt nicht nur der Fabriken dieses Likörweins wegen besuchte, versteht sich von selbst. Von Cádiz ist Jerez des la Frontera mit dem Regionalzug in einer knappen Stunde zu erreichen. Der Zug durchquerte das Küstengebiet rund um den Bahía de Cádiz mit Hafenstädten wie San Fernando, Puerto Real und El Puerto de Santa María. Jerez, das nicht nur wegen des hier hergestellten Sherry, sondern auch der königlichen Reitschule und seiner Rennstrecke bekannt ist, hat, die wenigen herausragenden historischen Bauwerke ausgenommen, verhältnismäßig wenig nennenswerte architektonische Höhepunkte zu bieten. Je weiter ich mich vom Stadtzentrum entfernte, desto ärmlicher und heruntergekommener wirkte die Stadt. Dieser Eindruck wird von der Tatsache bestätigt, dass Jerez eine der höchstverschuldeten Städte des Landes ist, trotz der umsatzreichen Sherryfabriken.

Denkmal Gonzalez Byass vor der Kathedrale

Denkmal Gonzalez Byass vor der Kathedrale

Gleich nach meiner Ankunft und einer kurzen Orientierung im Büro der Touristinformation besuchte ich den Mercado de Abastos. Der Einkauf wird hier zu einem echten Erlebnis. Der Fisch scheint offensichtlich unmittelbar nach dem Fang ganz frisch angeboten zu werden. Je nach Wunsch werden die Fische vor den Augen des Käufers zerteilt und filetiert. Dienstleistung im Sinne eines kundenorientierten Service wird hier ganz groß geschrieben.

Mercado de Abastos

Mercado de Abastos

Sehenswert ist auf jeden Fall auch die Alcázar. Diese maurische Festungsanlage, die auf das 12. Jahrhundert zurückreicht, ist zwar nicht sehr groß, hat aber einige Besonderheiten zu bieten, die in dieser Form andernorts vergeblich zu suchen sind. Neben der Mezquita gibt es hier eine riesige Ölpresse, ein nahezu vollständig restauriertes arabisches Bad und angrenzend daran die Aljibe, eine großen Zisterne, zu besichtigen. Auf den Eingangsbereich und die Umkleideräume des arabischen Bades folgen die drei unterschiedlich temperierten Feuchträume – Kaltraum (bait albarid), Warmraum (bait al wastani) und Heißraum (bait assajum) – über denen sich jeweils ein von Säulen getragenes Gewölbe mit in die Decke eingelassenen Sternenmustern erhebt, durch die die Sonne strahlte und so den Eindruck eines künstlichen Himmels vermittelte. Im Zentrum der Alcázar, von deren Befestigungstürmen und -mauern sich die Stadt und ihre Umgebung gut überblicken lassen, steht der Palacio de Villavicencio, in dessen oberster Etage sich die vollständig erhaltene städtischen Apotheke aus dem 19. Jahrhundert befindet – ein einziges Prunkstück. Der Garten der Alcázar reicht an die Anlagen in Granada und Sevilla bei weitem nicht heran, mit den bescheidenen Mitteln, die zur Verfügung stehen, wurde aber ein durchaus vorzeigbares Resultat erzielt.

Palacio de Villavicencio im Garten der Alcazar

Palacio de Villavicencio im Garten der Alcazar

In Sichtweite zur Alcázar befindet sich die Kathedrale, vor der ein Gonzalez-Byass-Denkmal steht. Seine Geschichte kann beispielhaft für viele Unternehmerdynastien stehen. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren gründete er in Jerez seine Sherry-Firma, deren Marke – Tio Pepe – so erfolgreich war, dass sehr bald eine Vielzahl von Konkurrenzunternehmen ihm nachzueifern strebten und so die Sherrytradition begründet wurde. Byass‘ Unternehmen befindet sich bis heute in Familienbesitz und ist nach wie vor einer der bekanntesten und größten Sherryproduzenten weltweit. Das Firmengelände kann besichtigt werden. Gleich beim Betreten der Lagerhallen (Bodegas) wird man vom charakteristischen Sherrygeruch umgeben. Die obligatorische Verkostung wird im Rahmen der Führungen angeboten. Nachdem ich das Firmengelände von Tio Pepe wieder verlassen hatte, suchte ich noch zwei kleinere Sherryproduzenten auf, wo sich ein ähnliches Bild bot: Ein langer Laubengang mit Weinranken und angrenzend die Bodegas mit den übereinandergestapelten, nur zu drei Vierteln gefüllten Fässern.

Bodega bei Tio Pepe

Bodega bei Tio Pepe

Nach diesem anspruchsvollen Tagesprogramm ging es abends mit dem Zug zurück nach Cádiz von wo ich mit einem Nachtbus nach Madrid zu fahren gedenke.

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

Ein Kommentar zu “Andalusien – Ein Reisebericht (16. Teil)

  1. RM Beyer
    3. September 2015

    Ich muss schon sagen: Einige deiner Fotos sind richtige Schmuckstücke. Du hast schon einiges an Erfahrung mit dem Aparillo gesammelt.😉

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. September 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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