Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Andalusien – Ein Reisebericht (Letzter Teil)

Siebzehnter Tag (Mittwoch): Noche y día

Dem Farbenspiel des LED-beleuchteten Brunnens auf der Plaza San Juan de Dios zuzusehen, dessen Fontänen im Takt des eingespielten „El Amor Brujo“ von Manuel de Falla aufstiegen und absanken, war ein schöner Abschied von Cádiz und Andalusien. Die Erinnerung an dieses Farben- und Wasserspiel sollte noch in dieser Nacht eingetrübt und überschattet werden. Pünktlich langte ich mich meinem Gepäck am Busbahnhof an, von wo der Nachtbus nach Madrid starten sollte. Er fuhr aber nicht, zumindest nicht von dort. Zusammen mit einer jungen Italienerin, die wie ich ebenfalls vergeblich wartete, machte ich mich auf den Weg, um den Abfahrtsort ausfindig zu machen und den Bus, der 23:25 abfahren sollte, noch in letzter Minute zu erreichen. Ein Bus des fraglichen Unternehmens war aber nirgends ausfindig zu machen. Schließlich erklärte sich ein Bahnbeamter, der gerade Dienstschluss hatte, bereit, uns beide zur Haltestelle zu fahren. Wo er uns hinfuhr, war aber nur das Büro der betreffenden Busgesellschaft. Dort war kurz vor Mitternacht natürlich niemand zu erreichen und auch die auf der Fahrkarte angegebene Hotline war unbesetzt. Wie nun weiter? Ein weiterer Bus würde diese Nacht nicht fahren und mit dem nächsten, der erst 8:10 Uhr fahren sollte, hätte ich meinen Flug in Madrid mit Sicherheit nicht mehr erreicht. Die Italienerin suchte via Mobiltelefon Hilfe bei ihrem Freund, der auch nichts anderes herausfand als ich schon wusste. Der erste Zug würde Cádiz um 5:25 Uhr verlassen. Da um diese Uhrzeit kein Hotel zu finden war, das den Zimmerpreis für vier Stunden Schlaf gerechtfertigt hätte, beschloss ich, zurück in die Altstadt zu fahren, dort die Nacht durchzumachen und den ersten Zug nach Madrid zu nehmen. Meine italienische Begleiterin wollte das Geld für den Bus nicht umsonst ausgegeben haben und am nächsten Morgen versuchen, sich die verfallene Fahrkarte umzutauschen oder sich anderweitig anerkennen zu lassen und mit dem nächsten Bus nach Madrid fahren. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück und trennten uns.

Estaci¢n de Atocha Madrid

Estaci¢n de Atocha Madrid

Einen Großteil der Nacht verbrachte in einem Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen sitzend auf einer Parkbank an der Plaza España, wo ein monumentales Denkmal an die Verabschiedung der ersten spanischen Verfassung im Jahre 1812 erinnerte. Pünktlich zur Öffnung des Bahnhofsgebäudes um 5:15 Uhr wollte ich meine Fahrkarte für die nächste Zugverbindung nach Madrid kaufen. Die Fahrkartenschalter blieben aber geschlossen und am Automaten konnte ich für den zur Abfahrt bereitstehenden Zug nach Sevilla keine Fahrkarte kaufen. Dem Schaffner, der kein Englisch verstand und selbst nur Spanisch sprach, konnte ich verständlich machen, dass ich nach Madrid wolle, am Automaten aber keine Fahrkarte für den Zug bekam. Nach langem Hin und Her zeigte er auf den Zug und bedeutete mir, einzusteigen. Der Zug fahre zwar nur bis Sevilla, dort gäbe es aber zahlreiche Anschlussmöglichkeiten nach Madrid. Die Fahrkarte könne ich bei ihm im Zug lösen. Gesagt – getan. Kaum saß ich im Zug, schlossen sich die Türen und wir verließen pünktlich um 5:25 Uhr den Bahnhof von Cádiz. Wenig später schlief ich ein und wachte erst wieder auf, als durch die Lautsprecheransage die Ankunft in Sevilla ankündigte. Ich schnappte mir mein Gepäck und stieg aus, der Schaffner aber rief mich an und gab mir, wild gestikulierend zu verstehen, wieder in den Zug einzusteigen. Offensichtlich war ich im Begriff gewesen, eine Station zu früh auszusteigen. Angekommen an der Estación de Santa Justa Sevilla suchte ich gleich nach einer Anschlussmöglichkeit nach Madrid. Da kam ein anderer Schaffner, den ich bereits in Cádiz gesehen und nach der Verbindung nach Madrid gefragt hatte, auf mich zu und zeigte mir, dass der nächste Schnellzug nach Madrid in fünf Minuten abfahre. Selten habe ich so freundliche, aufmerksame und zuvorkommende Bahnbeamte erlebt, wie die der spanischen Staatsbahn RENFE (Red Nacional de los Ferrocarriles Españoles). Auch wenn sie alle kein Englisch verstanden und sprechen konnten, versuchten sie mich zu verstehen und mir zu helfen. Mit einem AVE (Alta Velocidad Española) ging es dann mit 265 km/h weiter nach Madrid Estación de Atocha, wo der Zug zehn Minuten vor der Zeit ankam.

Plaza Cibeles Madrid

Plaza Cibeles Madrid

Den Vormittag hatte lesend im Parque del Buen Retiro verbringen wollen und nicht übernächtigt im Hochgeschwindigkeitszug knapp 650 km durch das Land rasend beziehungsweise die reichlich 3.000 km von Cádiz nach Hause in einem Ritt zu absolvieren. Letztlich blieb mir aber nichts anderes übrig, wollte ich heute noch zurück nach Berlin kommen, von wo es dann noch weiter mit dem Bus gehen würde. In Madrid blieb dann auch nur die Zeit, ein vorgezogenes Mittagessen einzunehmen und mich anschließend direkt mit der Metro zum Flughafen zu begeben.

„Andalusien gehört zu den schönsten Landschaften, die sich die Sinneslust zur Bleibe wünschen kann.“ Treffender als mit diesem Satz von Stendhal lässt sich Andalusien wohl kaum charakterisieren. Die Vielfalt der maurischen und modernen spanischen Kultur und die einzigartige Landschaft Andalusiens sind ungemein anziehend und nicht nur eine Reise wert!

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

Ein Kommentar zu “Andalusien – Ein Reisebericht (Letzter Teil)

  1. RM Beyer
    4. September 2015

    Meine Güte! Andalusien hat dich nicht besonders freundlich verabschiedet. Ich hätte ja zu gern ein Foto gesehen, das dich auf einer einsamen Parkbank zeigt, während Motten die Straßenlaternen umschwirren. Ich kann mir vorstellen, dass diese Nacht eine der längsten war, die du je erlebt hast. Gott sei Dank bist du wohlauf zurückgekehrt. Vielen Dank für den Bericht!

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. September 2015 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

Top Beiträge & Seiten

Wenn du unsere Projekte mitverfolgen willst, kannst du per Mail von uns benachrichtigt werden.

Schließe dich 1.111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: