Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Dubito ergo sum – „In den Schuhen der Welt“ (Rezension)

Nach langer Abwesenheit will ich mal wieder eine Rezension in die Runde werfen. Möglich geworden ist das vor allem durch meine Pendlerstrecke, die ich neuerdings mit Hörspielen und Hörbüchern ausfülle. Zuletzt also blinkte und werkelte mein USB-Stick im Auto mit dem Hörbuch „In den Schuhen der Welt“.

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Geschrieben wurde das Ganze von der promovierten pädagogischen Psychologin Claudia J. Schulze, die außerdem psychotherapeutisch praktiziert. Das merkt man dem Werk auch durchaus an, handelt sie doch von der äußerst dünnwandigen Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der Sprecher ist mir gut bekannt. Es handelt sich um Werner Wilkening, den ich auch und vor allem in Hörspielen kennen und schätzen gelernt habe. Er passt zu dieser Geschichte sozusagen wie Arsch auf Nachttopf. Mal ehrlich betroffen, mal unterschwellig amüsiert, dann wieder im tiefen Ernst der Sache spricht Werner Wilkening als Ich-Erzähler Charles Lemaigne.

Dieser gerät während eines Aufenthalts in Straßburg – sofern man an Zufälle glaubt – durch eine unglückliche Fügung an den Unternehmer Khimère Lefuet. Dieser läd ihn bald zu Speis und Trank ein, überhäuft ihn mit Charme und Etikette, bis Lemaigne sich entschließt, in seinem Unternehmen zu arbeiten. Böser Fehler. Diese Begegnung wirft eine Reihe von Ereignissen in Gang, die sowohl einige von Lemaignes engsten Vertrauten und Lefuet selbst das Leben kosten werden.

Schon das erste Kapitel weist die Richtung. Da erwähnt Lemaigne ganz beiläufig, dass er Lefuet bereits getötet hat. Wir hören also die Lebensgeschichte eines Mörders. Aber sie ist mehr als das. Sie ist auch die Geschichte eines Mannes, der buchstäblich nie in eigenen Schuhen lief, der die Welt barfuß erlebte, ungefiltert, ungeschützt. Das ist, wie vieles andere auch, als Gleichnis zu sehen. So wie überhaupt das meiste dieser Geschichte als Gleichnis erscheint. So steht Lefuet für das absolut Böse, während seine alte, unerreichbare Geliebte Hannah für alles Schöne und Gute steht, was Lemaigne in der Welt erwarten kann. Wie eine Heilige erscheint sie, während Lefuet das Höllenfeuer schürt. Hier zeigt sich beim Erzähler ein beinah kindliches Gemüt, das märchenhafte Vorstellungen von Gut und Böse ausbrütet, während wir, als Leser, zu keiner Zeit hunderprozentig wissen, ob sich der wahre Wahnsinn in Lemaigne oder der Welt befindet. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass Lefuets Vorname „Khimére“ lautet und ein wenig an die Chimäre – das Trugbild, die Täuschung – erinnert. Aber auch in einer anderen Hinsicht ist Lemaigne ein Kind geblieben. Wohl und Weh hängen stets und immer von den anderen ab. Sein gesamtes Leben wird bestimmt durch den tiefen Hass zu Lefuet und die übergroße Liebe zu Hannah. Ein eigener innerer Friede… ja, wo gibt es den schon, aber Lemaigne hat ihn sicher nicht. Wie bereits erwähnt, lief er eben niemals in seinen „eigenen“ Schuhen durch die Welt.

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René Descartes

Immer wieder verweist Lemaigne auf Descartes und den berühmten Lehrsatz „cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ – und bemerkt zu Recht, dass diesem Satz der Zweifel an allem voranging. Denn bevor Descartes die Scherben seiner Erkenntnis neu zu einer wirklich wahrhaften Gewissheit zusammensetzte, hatte er durch methodischen Zweifel alle vorläufige Gewissheit zerschlagen. Daraufhin besann er sich, nur noch für wahr zu halten, was absolut klar  und deutlich erkannt werden kann. Ein wackliger Ansatz, denn abgesehen von der nackten Existenz des Bewusstseins lässt sich nach wie vor an allem zweifeln. Und genau darauf zielt „In den Schuhen der Welt“ ab. Wir zweifeln, bis zum Schluss, ob wir Lemaignes Version trauen können, ob Lefuet ein Trugbild ist, ob Hannah wirklich die Heilige ist, für die er sie hält. Diese Unterscheidung wird noch schwieriger, da die Autorin die alte Erzählerweisheit „Zeigen, nicht erzählen!“ beiseite fegt und kaum einen direkten Dialog niederschreibt. Wir hören also niemals direkt und konkret, welch böse Taten Lefuet begeht, welche Worte er benutzt. Wir erfahren niemals direkt und konkret, wie harmonisch die Beziehung zwischen Lemaigne und Hannah verläuft. Ich unterstelle der Autorin hierbei Absicht: Der Leser soll sich ja nicht sicher wähnen, was sich auf welche Weise zugetragen hat. Wir erfahren alles aus dem Munde Lemaignes und es bietet sich kein Schlupfwinkel, um aus seinem Kopf heraus in die wirkliche Welt zu treten. Dennoch will ich nicht verschweigen, dass diese Art der Erzählung hohe Aufmerksamheit erfordert, denn während sich im Dialog eine Handlung langsam entfaltet, geht im reinen Erzählfluss so manches Detail verloren, sobald man auch nur drei Sekunden das Ohr abwendet.

Genug geschrieben. Lemaigne ist eine äußerst interessante Persönlichkeit und bleibt es bis zum bitteren Ende. Werner Wilkening spricht ihn praktisch, als wäre er es selbst. Die Musik schmeichelt sich immer wieder passend zwischen die Zeilen, auch wenn sich das Hauptthema ein, zwei Mal zu oft wiederholt. Ich jedenfalls kann dieses unkonventionelle Stück Literatur nur jedem ans Herz legen, der genug Hirn und Herz hat, in die Untiefen der menschlichen Psyche einzudringen.

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Januar 2016 von in Aktuelles, BÜCHER_kiste, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , .

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