Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

The Paris Experience

Bislang habe ich im Blog ausschließlich über längere Reisen berichtet. Über Städtetrips habe ich bislang noch nicht berichtet. Das soll sich jetzt ändern: Jeden Monat erscheint an dieser Stelle ein aktueller Reisebericht zu einer europäischen Metropole. Dabei wird der Blick auf individuelle Eindrücke, regionale Besonderheiten und Geheimtipps fern von den Touristenpfaden gerichtet – als Anregung und Einladung zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Unterwegs in der Hauptstadt der Liebe und der Vizefußballeuropameister

Die Hauptstadt der Liebe, der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik, der Mode, der kulinarischen Raffinesse – und der aktuellen Vizefußballeuropameister – Paris – ist wie kaum eine andere Stadt Europas ein absolutes Muss und soll deshalb den Auftakt für die jeden Monat fortzusetzende Experience-Reihe mit Reiseerlebnissen von meinen Besuchen europäischer Metropolen bilden.
Will man dem Verkehrschaos von Paris bei seiner Ankunft entgehen, empfiehlt sich die Anreise mit dem Zug. Mehrmals täglich über Köln/Brüssel, Frankfurt/Saarbrücken und Stuttgart/Straßburg verkehren TGV und ICE direkt zum Gare du Nord oder Gare de l’Est. Dabei erreicht der TGV Duplex im Streckenabschnitt Saarbrücken/Paris Geschwindigkeiten von fast durchgängig 300 bis 330 km/h. Als ich abends spät am Gare de l’Est im 10. Arrondissement ankam, bot sich mir in der unmittelbaren Umgebung des Bahnhofs zunächst ein etwas düsteres Bild: mehrheitlich dunkelhäutige Migranten, Berge von Müll und eine etwas heruntergekommene Baustruktur. Dabei ist der Canal St.-Martin, insbesondere das sich daran anschließende Bassin de la Villette ein echter Geheimtipp in Sachen Subkultur, sei es zu Konzerten am Point Éphémère, zu einem Drink auf einem der Hausboote oder für einen abendlichen Spaziergang fernab des Touristenstroms. Jedenfalls eine gute Alternative zu den von den Nobelboutiquen für die High Society und Möchtegern-Snobiety geprägten Champs-Elysées.

Tour Eiffel im morgendlichen Smog
Paris in vier Tagen vollständig erkunden zu wollen ist aufgrund der Fülle kultureller Attraktionen schlichtweg nicht möglich, so dass auch ich mich auf die Highlights beschränken musste. Alles vorzustellen, würde den Rahmen sprengen. Deshalb konzentriere ich mich hier auf einige interessante Besonderheiten. Früh morgens aufzustehen lohnt vor allem dann, wenn es gilt, die bekannten Touristenmagneten ohne längeres Warten und allzu große Menschenmengen kennen zu lernen. So machte ich mich gleich am Morgen nach meiner Ankunft auf den Weg zur Île de la Cité mit der Cathédral Notre-Dame. Die Insel selbst lädt zu einem Spaziergang ein, wenngleich das neben der Kathedrale dominierende burgähnliche Gebäude des Justizministeriums etwas abweisend wirken mag. Doch gerade am Quai des Grands Augustins haben viele Antiquitätenhändler ihre Bücherstände aufgeschlagen und nicht selten findet ein Literaturfreund hier wahre Schätze (ein Grund mehr, mit dem Zug zu reisen, weil dann der Transport des größeren Rückreisegepäcks ohne größere Komplikationen möglich ist). In unmittelbarer Nähe zur Cathédral Notre-Dame führt der Boulevard St. Germain ins Herz des gleichnamigen Viertels, das sich mit seinen zahlreichen Restaurants und Bars spätestens seit Ende der 1950er Jahre als kulturelles Zentrum und Geburtsort des modernen
französischen Chansons einen Namen gemacht hat. Im Viertel rund um die Église St.-Germain de Prés hatten bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Schriftsteller, Maler, Schauspieler und Musiker inmitten all der kleinen Cafés, Bars, Restaurants, Buchläden und Boutiquen einen Ort der Inspiration gefunden: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Oscar Wilde, Pablo Picasso, Ernest Hemingway und Henry Miller, um nur einige zu nennen. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Parc du Luxembourg, der mit seinen vielen Skulpturen – hier ist auch die ursprünglich anlässlich der Eröffnung des Suezkanals entworfene und später in New York aufgestellte Freiheitsstatue in einer deutlich kleineren Ausführung zu sehen – und Bänken in lauschiger Bepflanzung zum Verweilen einlädt, und das umso mehr, als hier ein beliebter Ort für das bei den Franzosen populäre Boule-Spiel ist.
Was wäre ein Paris-Besuch ohne den Louvre? Dieses wahrhaft riesige Museum, für das ich einen halben Tag eingeplant hatte, birgt neben dem Gemälde zur Krönung Napoleons I. von Jean-Louis David und der Mona Lisa von Leonardo da Vinci – eine Kopie aus der Werkstatt des Meisters hängt in Madrid und kann dort ohne den im Louvre eingeführten Sicherheitsabstand aus deutlich geringerer Entfernung betrachtet werden kann – auch die Venus von Milo und die Nike von Samothrake – hiervon steht eine Kopie im Hauptgebäude der Universität Zürich. Interessant zu besichtigen sind auch die Gemächer Napoleons III.

Café in der Rue Chanoinesse

Montmartre, das ich in der Mittagszeit des Folgetages besuchte, hat ähnlich wie St. Germain ein ganz eigenes Flair vor allem durch die vielen kleinen Geschäfte und Restaurants. Auch für den Snack zwischendurch ist hier gesorgt, denn in nahezu jeder Boulangerie gibt es fünf Mal täglich frisches Baguette. Das berühmt-berüchtigte Moulin Rouge befindet sich in unmittelbarer Nähe. Rund um die Basilique du Sacré Cœur, deren Kuppel von einem Spötter nicht ganz zu Unrecht als riesengroße Babyflasche für Engel geschimpft wurde, befinden sich die Stände zahlreicher Straßenkünstler, die für ein entsprechendes Entgelt ein mehr oder weniger ähnliches Porträt von einem anfertigen. Natürlich bietet sich von hier auch ein wundervoller Blick über die Stadt und das Zentralstadion. Einen weit besseren Blick auf die Metropole Paris bieten aber der Arc de Triomphe – im Inneren befindet sich eine sehenswerte Ausstellung mit Uniformen aller beteiligten Mächte aus dem Ersten Weltkrieg – und der Tour Eiffel. Den Eiffelturm selbst kommt man am besten vom Place du Trocadéro et du 11. Novembre vor die Linse. Für den Aufstieg auf den Eiffelturm sollte man schwindelfrei sein, doch nachdem mehrere hundert Treppenstufen erklommen sind, entschädigt die Aussicht für alle Mühen, denn das stundenlange Anstehen kostet Nerven.

Blick vom Grand Arche über La Défanse auf Paris
Die Fahrt mit der Metro offenbart nicht selten ein unerwartetes Erlebnis, denn viele junge begabte Musiker stellen dort teils auch mit selbstgebauten Instrumenten ihr Talent unter Beweis. Die Fahrt wird dann fast immer recht kurzweilig. Ein architektonisches Meisterwerk ist der Hochhaus-Komplex La Défense mit dem Grande Arche am Ende der Metro-Linie 1, der sich in unmittelbarer Verlängerung der durch einen Großteil der Stadt verlaufenden Achse in Verlängerung der Champs-Elysées erhebt. Dieses „neue“ Paris mit Sitz zahlreicher Ministerien und nahezu aller weltweit agierenden französischen Konzerne. Seit den 1980er Jahren entstanden wirkt es zwar ein wenig kühl und abweisend, zeigt aber, welches Selbstverständnis die Grand Nation heute noch hat und in die Welt trägt.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Juli 2016 von in Aktuelles.

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