Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Reiseeindrücke aus Dalmatien (Teil 1)

Das Boot legt nur kurz an, damit ich an Bord springen kann, dann setzt es seine Reise fort. Das erste Ziel, das Marko, der Kapitän, ansteuert, ist die kleine Insel Koločep, die kleinste der Elafitischen Inseln vor der Küste Dubrovniks. Auch wenn erst später Vormittag ist, brennt die Sonne unerbittlich, so dass jeder der Reisenden über die leichte Brise erfreut ist. Die Wellen schlagen an die Reling und die Gischt spritzt über das Deck, so dass alle ein wenig nass werden. Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir den Hafen in der Bucht Donje im Nordwesten der Insel. Es scheint, als habe jeder der hier lebenden Familien eine Kapelle gestiftet, denn die Insel scheint nahezu übersät damit. Doch viel Zeit zum Verweilen bleibt nicht, denn schon bald mahnt Marko zur Weiterfahrt nach Šipan, der größten der Elafitischen Inseln, die, wie sich herausstellt, aber wenig Reizvolles zu bieten hat. Marko, der bis Anfang der 1990er Jahre auf der Werft in Rostock und im Hafen von Warnemünde gearbeitet hat, hatte sich mit dem Kauf von drei Booten – benannt nach den Namen seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwiegertochter – einen Lebenstraum erfüllt. Seit zwanzig Jahren schon macht er in den Sommermonaten diese Tour, im Winter fährt er zur See. Als es Mittag ist, heizt Marko den Grill aus seinem Boot an und bereitet für die Gäste an Bord das wohlschmeckende Essen, zarten Rotbarsch und Geflügel, dazu reichlich Salat und natürlich Wein. Immer wieder schenkt Marko ein und lacht dabei. Die Stimmung steigt, besonders bei mitreisenden den Italienerinnen, die zusammen mit einem Engländer einen Schlager nach dem anderen anstimmen. Die letzte Station der Fahrt ist Lopud. Bereits von weitem der Kirchturm eines Franziskanerklosters zu erkennen, aber erst ein Spaziergang entlang der Promenade offenbart die wahre Schönheit dieser Insel, die von unzähligen Restaurants und Bars gesäumt wird. Auf der Rückfahrt, während das Boot über die Wellen gleitet und die Sonne das Meer golden schimmern lässt, blüht Marko noch einmal richtig auf, was wohl auch den hübschen Frauen an Bord und noch viel mehr dem Wein zu verdanken ist, den er in nicht unerheblichem Maße genossen hat. Als ich das Boot wieder verlasse und wieder festen Boden unter den Füßen habe, winkt nicht nur er von Bord zurück, sondern auch alle anderen Reisenden in ihrer weinseligen Stimmung.

01_Lopud

Lopud

Die von schroffen Felsen geprägte kroatische Adriaküste hat sich ihre Ursprünglichkeit weitgehend bewahrt. In Dubrovnik und Split sind noch heute die Befestigungsanlagen aus der römischen Antike zu bewundern und auch die Spuren des jugoslawischen Bürgerkriegs der Jahre 1991-1995 sind kaum noch zu erkennen. Die in sich geschlossene, auf einer schmalen Landzunge liegende Altstadt von Dubrovnik zählt mit vollem Recht zum Weltkulturerbe. Den besten Eindruck gewinnt man aber nicht im Gewimmel der engen Gassen, das besonders in den Abendstunden seiner Reize entfaltet, sondern von der Stadtmauer, die die Altstadt vollkommen umschließt und durchgehend begehbar ist. Der wohl beste Blick bietet sich vom Srd, dem Hausberg, der mit einer Seilbahn, zu Fuß oder mit dem Auto erreicht werden kann. Ich entschloss mich für letzteres, muss aber gestehen, dass das einiges fahrerisches Können voraussetzt, denn die Straße, wie zum Gipfel führt, ist sehr steil, so schmal, dass nur ein Auto darauf Platz hat, und kennt selbst über dem mehr als hundert Meter gähnenden Abgrund auch keine Leitplanken. Der etwas waghalsige Weg nach oben wird aber durch die spektakuläre Aussicht belohnt.

02_Altstadt von Dubrovnik

Altstadt von Dubrovnik

Die kroatische Adriaküste ohne eigenen oder gemieteten PKW erkunden zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Die einzige Alternative ist die Fahrt mit dem Bus, der Split und Dubrovnik direkt verbindet, aber nur sehr wenige bis gar keine Zwischenhalte hat. Nahezu der ganze Verkehr läuft über die kurvenreiche Schnellstraße D8 – man sollte also viel Zeit einplanen –, erst ab Ploče gibt es eine mautpflichtige Autobahn nach Split und weiter nach Zagreb. Das Mautsystem ist einfach und effektiv gelöst: bei der Fahrt auf die Autobahn zieht man ein Ticket und bezahlt beim Verlassen der Autobahn an der jeweiligen Autobahnabfahrt. Fährt man von Dubrovnik nach Split oder, wie ich, weiter über Šibenik zum Krka-Nationalpark, muss man bei Neum einen schmalen Streifen von Bosnien-Herzegowina passieren, was für viele Durchreisende die Möglichkeit bietet, günstig einkaufen zu gehen, denn in Bezug auf die Preise hat man sich in an der kroatischen Adriaküste längst an das westliche Niveau angepasst.

03_Basketballplatz mit Ausblick auf die Altstadt von Dubrovnik

Basketballplatz mit Aussicht auf Dubrovnik

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. August 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

Top Beiträge & Seiten

Wenn du unsere Projekte mitverfolgen willst, kannst du per Mail von uns benachrichtigt werden.

Schließe dich 1.111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: