Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

The Praha Experience

Der Bezeichnung „goldene Stadt“ wird Prag sehr wohl gerecht, besonders in den sonnigen Morgen- und Abendstunden, wenn der lärmende Menschenstrom auf der Karlsbrücke abnimmt oder man den ungestörten Blick von einem der vielen Schiffe von der Moldau auf Altstadt und Burg genießen kann. Anschließend zu Pivo und Gulasch mit Knödeln in das Traditionsrestaurant U Fleku einzukehren, ist Freunden der traditionellen böhmischen Küche auf jeden Fall zu empfehlen.

01_KarlsbrБcke und Prager Burg am Abend

Karlsbrücke und Prager Burg am Abend

Doch Prag hat weit mehr zu bieten. Partygänger kommen mit Sicherheit auf ihre Kosten. Sei es im Karlovy Lázně, der eigenen Angaben zufolge größten Diskothek Mitteleuropas in unmittelbarer Nähe zur Karlsbrücke, oder im Duplex, dem Club der Clubs am Wenzelsplatz, in dem es Mick Jagger zu seinem 60. Geburtstag krachen ließ. Bei Junggesellenabschieden besonders beliebt sind Stripclubs, derer es an Zahl nicht mangelt. In günstigeren Stripclubs wie dem „Goldfingers“ gibt es für die umgerechnet 12 EUR Eintritt auch noch einen Getränkegutschein für fünf kleine Bier oder zwei Cocktails. Gegen ein entsprechendes Entgelt werden, und davon scheinen diese Clubs zu leben, in speziell dafür vorgesehenen Kabinen Private-Dance-Shows angeboten, bei denen je nach Zahlungsbereitschaft des Kunden fast alles möglich ist…

Gerade für Gruppenreisen gibt es eine Vielzahl an außergewöhnlichen und skurrilen Events, ein erlebnisreiches Wochenende in der Hauptstadt der tschechischen Republik zu verleben. Abgesehen vom recht zweifelhaften Vergnügen, für 75 EUR pro Person solange mit einer AK zu schießen, bis das Magazin leer ist, gibt es eine kostengünstigere Alternative für all diejenigen, die etwas Sport zu treiben bereit sind, ein Bubble-Ball-Spiel. Dazu schlüpft man in einen durchsichtigen, luftgefüllten Gummiball, der den gesamten Oberkörper vom Kopf bis zur Hüfte umschließt, und versucht beim Fußballspiel in erster Linie die Gegner umzustoßen und dann natürlich das Runde ins Eckige zu bringen. Einziger Nachteil: der Bubble-Ball wirkt wie ein Treibhaus, es wird mit der Zeit also sehr warm und schweißtreibend. Teamwork ist auch gefragt in „The Chamber“. Eingeschlossen in das Zimmer eines Computerfreaks und Hackers ist es die Aufgabe der Gruppe, innerhalb einer Stunde mit logischem Denkvermögen und Kombinationsgabe, Aufgaben und Rätsel zu lösen, um eine Bombe zu entschärfen und sich anschließend zu befreien.

02_Reiterstandbild Jan Zizkas vor dem Mausoleum

Reiterstandbild Jan Zizkas vor dem Mausoleum

Aber auch für geschichtlich, politisch und kulturell Interessierte ist Prag ein absolutes Muss. So befindet sich im Stadtteil Žižkov, das auch bekannt ist für die Prager Szene- und Subkultur, auf dem Veitsberg das Reiterstandbild des Hussitenanführers Jan Žižka, mit neun Metern Höhe und einem Gewicht von sechzehneinhalb Tonnen eines der größten der Welt. Hinter dem Monument erhebt sich klotzartig der riesige Bau eines Mausoleums, in dem 1953 der verstorbene Staatschef Klement Gottwald einbalsamiert und ausgestellt wurde. Die Einbalsamierung misslang aber und der Leichnam wurde 1962 entfernt und eingeäschert. An ausgewählten Tagen soll der düstere Bau des Mausoleums auch zu besichtigen sein; mir ist es noch nicht gelungen hineinzukommen.

03_Garten des Palais Lobkowicz

Garten des Palais Lobkowicz

Deutlich freundlicher nimmt sich dagegen das barocke Palais Lobkowicz unweit der Prager Burg aus. Einst im Besitz der Adelsfamilie Lobkowicz war es schon im 18. Jahrhundert ein Ort politischer und kultureller Begegnung. So gaben Ludwig van Beethoven und Carl Maria von Weber Konzerte im Kuppelsaal. Seit 1974 ist das herrschaftliche Palais mit dem umliegenden Garten Sitz der Deutschen Botschaft und war 1989 Schauplatz historischer Ereignisse. Mehrere Tausend DDR-Bürger hatten sich hierher geflüchtet, um auf diesem Weg ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland erwirken zu können. Am Abend des 30. September 1989 traf dann Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher ein und verkündete vom Balkon des Palais: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Die restlichen Worte gingen im Jubel der Massen unter. Die DDR hatte sich bereiterklärt, die Flüchtlinge ausreisen zu lassen, unter der Bedingung, dass die Ausreise (ohne Rückkehr) per Zug über das eigene Staatsgebiet erfolgt. Als die ersten Züge Dresden und Karl-Marx-Stadt passierten, kam es zu Tumulten. Polizeikräfte suchten die ungehinderte Durchfahrt der Züge zu gewährleisten und zu verhindern, dass die aufgebrachten Bürger aufsprangen. Auf dem Gelände der Prager Botschaft erinnert heute ein Denkmal an die Ereignisse vom Herbst 1989.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. August 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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