Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Sizilien – Ein Reisebericht (4. Teil)

Mit dem gleichen Zug wie gestern ging es heute Vormittag in das zweihundert Kilometer entfernte Milazzo. Auf dem Weg zum Bahnhof sah ich die gleichen seltsamen Gestalten wie gestern: den Obdachlosen, der auf seiner Matratze am Straßenrand schlief, die abgetakelte, stark geschminkte Prostituierte, die wieder vor ihrem Stammschaufenster sitzend ihre Morgenzigarette rauchte, um sich anschließend, nach der langen Nacht auf den Weg nach Hause zu machen und auch die Hunde lungerten wieder an der Stazione Centrale herum, um den ausfahrenden Zug, der diesmal pünktlich war, bellend zu verabschieden.

01 Lipari-Stadt

Lipari-Stadt

Der Bahnhof von Milazzo liegt ziemlich weit draußen und ich hatte die verrückte Idee, die viereinhalb Kilometer zur Innenstadt mit all meinem Gepäck zu Fuß zurückzulegen. Inmitten der Mittagsglut ging es entlang einer Schnellstraße vorbei an Raffinerien, Fabriken und landwirtschaftlich genutzten Flächen und immer wieder überfüllten Mülltonnen und stinkenden Müllbergen. Die schmalen Fußwege, wenn überhaupt vorhanden, waren mit kniehohem Unkraut überwuchert und beinahe wäre ich über eine kürzlich verendete Ratte gestolpert, die quer vor mir im Schnittgerinne lag.

Milazzo zeigte sich also zunächst alles andere als einladend. Die Unterkunft aber ist sauber und ordentlich, nur fünf Gehminuten vom Hafen entfernt und im Verhältnis zum Preisniveau der Eolischen Inseln unschlagbar günstig. Es gelang mir, die Schnellbootverbindung der Usticalines nach Lipari zu erreichen. Die Strecke wird in einer reichlichen Stunde erreicht und damit fast in der Hälfte der Zeit, die die normalen Fähren dafür benötigen. Angetrieben werden diese Schnellfähren von herkömmlichen Dieselmotoren, im Bugbereich befindet sich aber eine Tragflügelkonstruktion, mit deren Hilfe die Fähre wasserskiähnlich über das Wasser gleitet. Auf der Hinfahrt kam ich mir aber vor wie in einem Auto, das in hohem Tempo über eine Straße mit sehr grobem Kopfsteinpflaster rast und war froh, als wir endlich anlegten. Die Rückfahrt – diesmal saß ich nicht im Mitteldeck hinten, sondern im Unterdeck vorn – war deutlich angenehmer und erinnerte nur noch an eine rasante Busfahrt über eine Landstraße mit vielen Schlaglöchern.

02 Blick vom Belvedere Quattrocchi auf die Südwestküste Liparis und Vulcano

Blick vom Belvedere Quattrocchi auf die Südwestküste Liparis und Vulcano

Lipari selbst erinnerte mich auf den ersten Blick an Capri, wenn auch nicht ganz so schön. Den gleichnamigen Hauptort ließ ich aber nach kurzem Durchstreifen des Corso Vittorio Emanuele zunächst einmal links liegen und wanderte ins Inselinnere Richtung des Aussichtspunktes Belvedere Quattrocchi. Immer wieder offenbarten sich neue, überraschende Blicke, sowohl auf den Ort Lipari als auch auf die benachbarten Inseln, vor allem auf Vulcano. Alle sieben Eolischen Inseln beziehungsweise Liparischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs, wobei der Stromboli auf der gleichnamigen Insel noch regelmäßig aktiv ist und vor allem nachts, wenn regelmäßig glühende Lavafontänen durch die Eruptionen in die Luft geschleudert werden, die Besucher anzieht. Der Blick auf die steil abfallende Südwestküste Liparis mit den aus dem Wasser ragenden Vulkanfelsen war fast noch beeindruckender als die Grotten von Capri – das Bild dürfte Beweis genug sein.

03 Highspeed - Tragflügelboot der Usticalines

Highspeed-Tragflügelboot der Usticalines

Abends ging es dann wieder zurück nach Milazzo, das, klammert man die Raffinerien, Fabriken und einsamen Mietskasernen am Stadtrand aus, ganz annehmbar ist. Es gibt aber bei weitem schönere Orte. Heute gab es dann endlich auch wieder einmal Pizza – das gastronomische Angebot in Milazzo ist beschränkt, zudem sind montags viele Restaurants geschlossen. In der Unterkunft lernte ich noch ein italienisches Pärchen kennen, das auf Tour durch Sizilien und Kalabrien ist, woher ein Teil ihrer Verwandtschaft stammt. Ansonsten sind sie, im Großraum von Rom wohnend, wie viele Sizilien-Reisende Touristen im eigenen Land. Außerdem bescheinigten sie mir – als kleine Anekdote am Rande – dass ich sehr „deutsch“ aussähe.

Hagen Schäfer

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. August 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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