Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Sizilien – Ein Reisebericht (6. Teil)

Mit dem Bus ging es heute Morgen vom Hafen von Milazzo nach Messina und von dort nach kurzem Aufenthalt mit dem Zug weiter nach Taormina. Die Zugstrecke verläuft immer direkt am Meer, so dass ich kurz vor meiner heutigen Zielstation auch einen Blick auf die bekannte Isola bella werfen konnte. Die Strände rund um Taormina waren alle übervoll – es wäre also ein mehr oder weniger zweifelhaftes Badevergnügen geworden. Überhaupt muss man hier eine gute Stunde Weg zum Strand einplanen und wieder eine gute Stunde zurück – und alles nur, um dann effektiv zehn Minuten im Wasser zu sein?!

01 Isola bella

Isola bella

Der Bahnhof Taormina Giardini Naxos liegt ebenfalls direkt am Meer, die Stadt selbst aber auf dem Berg, so dass es mehr als dreihundert Meter zu überwinden gilt. Da kein Bus fuhr beziehungsweise ich zu lange hätte warten müssen, beschloss ich, den sehr steilen, aber kurzen Fußweg zu nehmen. Der war aber auf halber Höhe gesperrt und der weitere Weg nur schwer und schließlich gar nicht mehr passierbar und darüber hinaus ohne jegliche Absperrung zum Abgrund, so dass ich mich gezwungen sah, umzukehren und entlang der Straße zu gehen. Der Vorteil: ich konnte viele gute Motive mit der Kamera einfangen, die den meisten Besuchern verborgen bleiben, und mir deutlich schneller einen Überblick verschaffen, als wenn ich mit dem Bus gefahren wäre. Der Busbahnhof liegt außerdem noch ein gutes Stück vom Zentrum entfernt und bis zur Unterkunft, die am anderen Ende der Altstadt liegt, sind es noch ganze fünfundzwanzig Minuten zu Fuß. Besonders weit ist es nicht, das Gedränge der Menschenmenge ist aber ähnlich wie auf einem Weihnachtsmarkt, so dass man nur ganz langsam vorankommt. Und auch sonst erinnert vieles an diese Atmosphäre: Geschäfte, in denen Souvenirkitsch angeboten wird, befinden sich im ständigen Wechsel mit Restaurants und Cafés für ein Panino zwischendurch. Die riesige Menschenmenge und die durch die überhitzte Tourismusindustrie spürbar angetriebene Konsumstimmung übten eine fast schon abschreckende Wirkung auf mich aus.

02 Zwei Klassiker - Vespa und Fiat

Zwei Klassiker: Vespa und Fiat

Taormina war schon im 19. Jahrhundert ein Touristenmagnet. Goethe zeigte sich begeistert vom antiken Theater, das griechischen Ursprungs ist, von den Römern aber um- und ausgebaut wurde. Für den Tourismus entdeckt wurde Taormina vor allem durch die Zeichnungen und Bilder des Preußen Otto Geleng und die homoerotischen Fotografien nackter Jünglinge von Wilhelm von Gloeden. Wer ein bisschen sucht, findet auch diese in einigen wenigen Souvenirgeschäften und gleich daneben befinden sich dann Büsten des Duce.

Das antike Theater ist neben dem Dom und einigen historischen Palazzi zweifelsohne die Hauptattraktion und jetzt im Sommer auch immer wieder ein Ort für Konzerte, weshalb auch aufwendige Bühnenarbeiten stattfanden, als ich heute da war. Der Blick allein schon ist atemberaubend – von hier aus genießt man den besten Blick auf Taormina, die Isola bella und die Küste mit dem Etna im Hintergrund.

03 Teatro Antico in Taormina mit Blick auf den Etna

Teatro Antico in Taormina mit Blick auf den Etna

 

Meine Unterkunft, das Hostel Odyssey, lag etwas außerhalb am Rand der Altstadt in einer ruhigen Seitenstraße oder vielmehr am Ende einer Sackgasse. Auf der Terrasse mit Blick über die Dächer bis zum Meer genoss ich mein Abendessen und lernte später noch einen Schwaben aus Ulm kennen, der heute auf dem Etna war und seinen Urlaub als Vulkantour gestaltet, denn seine Ziele waren der Vesuv, der Etna und der Stromboli.

Das Personal war so unfreundlich wie ich es in noch keinem anderen Hostel zuvor erlebt habe – und ich habe sehr viele kennengelernt. Als ich heute Mittag ankam, war niemand da. Auf meine SMS, dass ich da sei und einchecken wolle, zumal ich reserviert hatte, erhielt ich zur Antwort die Frage, was ich reserviert habe. Nach einer Weile kam sie, teilte mir mit, ich müsse noch etwa fünf Minuten warten und verschwand wieder. Es wurden zehn Minuten daraus, während der sie einen italienischen Gast abfertigte, der offensichtlich noch nicht bezahlt hatte. Sie warf ihm die Methoden eines Mafioso vor (so etwas hatte ich in Italien noch nie zuvor gehört!) und gab erst dann Ruhe, als er das nötige Geld auf den Tisch legte. Vom Streit immer noch aufgebracht kam sie zu mir zurück und sagte, wenn ich die Reservierungsbestätigung ausgedruckt zeigen könne, dann könne ich einchecken. Die hatte ich aber nicht ausgedruckt dabei, weil mir nur in einem kurzen Satz per Mail mitgeteilt worden war, dass alles klargehe. Nach weiteren zehn Minuten, sie reinigte inzwischen die Zimmer, knöpfte sie mir neunzehn Euro ab – ohne Rechnung –, zeigte mir mein Bett und beschloss, dass ich bleiben könne. Dem Schwaben war es übrigens genauso gegangen, so dass der Eindruck entstand, dass alles ausgebucht sei. Tatsächlich befand sich aber kaum ein Gast im Hostel. Offensichtlich war ihr jeder Gast zu viel und das Arbeiten hat sie gewiss auch nicht erfunden.

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. September 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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