Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Sizilien – Ein Reisebericht (9. Teil)

Ebenso wie Syrakus und Ragusa gehört auch die Altstadt von Noto, meinem heutigen Reiseziel, zum Unesco Weltkulturerbe. Bei einem Erdbeben 1693 fast vollständig zerstört wurde Noto unter Anleitung der Architekten Gagliardi, Sinatra und Labisi zu einer prachtvollen barocken Stadt mit zahlreichen Kirchen und prunkvollen Palazzi gestaltet und erfreut sich seitdem des Rufes, das barocke Herz Siziliens zu sein. Fast schon märchenhaft und weltfremd muten die mit honigfarbenem Kalkstein errichteten und übermäßig verzierten Gebäude an. Ähnlich wie in Dresden wird hier die längst vergangene Epoche des Spätbarock lebendig. Aber nichts ist von Ewigkeit, 1996 stürzte die Kuppel des inzwischen baufällig gewordenen Doms ein und musste mühevoll rekonstruiert werden. Heute erstrahlt auch dank der Unesco-Gelder alles wie neu. Bereits am Bahnhof begrüßt den Besucher ein Schild mit der Aufschrift „Noto – città per la pace e per i diritti umani“ und dieser Geist scheint tatsächlich zu herrschen.

01 Blick vom Balkon des Ostello - die Kuppel der Kathedrale von Noto

Die Kuppel der Kathedrale von Noto

In Noto ist deutlich mehr touristischer Trubel als in Ragusa, wahrscheinlich aufgrund der Nähe zu Syrakus. Heute machten sich die letzte Nacht – aufgrund der ausgeschalteten Klimaanlage (jemand hatte die Fernbedienung versteckt) schlief ich sehr unruhig und lag lange Zeit wach – und die übermäßig langen Fußmärsche der letzten Tage bemerkbar. Hinzu kamen die fast schon unerträglichen Temperaturen. Nach einer zweistündigen Siesta, die ich mit dem Hören von Piero Piccionis und Stelvio Ciprianis Filmmusik verbrachte, war ich wieder vollkommen fit. In der tiefstehenden Nachmittagssonne entfalteten die barocken Prunkbauten ihre ganze Pracht.

02 Barocker Glanz

Barocker Glanz

In den Abendstunden erwachte Noto vollends; jetzt waren mehr Menschen unterwegs als am ganzen Tag. Wie ich auch gestern schon in Syrakus beobachten konnte, bleibt am Wochenende in den Abendstunden so gut wie niemand zu Hause. Die ganze Familie einschließlich Groß- und Urgroßeltern trifft sich in einer Bar auf einen Aperitif und anschließend zum Abendessen im Restaurant. Wenn die Touristen langsam auf dem Weg zurück in ihre Hotels sind, geht es dann erst so richtig los bei den temperamentvollen Sizilianern. Da wird diskutiert, geflirtet und gestritten mit einer Impulsivität, die ihresgleichen sucht. Dazu das allabendlich angestrahlte Ambiente von Noto und schon ist das klischeebehaftete Bild des Südens komplett.

03 Kathedrale von Noto im Abendlicht

Kathedrale von Noto im Abendlicht

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. September 2016 von in Aktuelles und getaggt mit .

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