Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Sizilien – Ein Reisebericht (12. Teil)

Bei leichtem Regen verließ ich morgens 8 Uhr Catania. In Bezug auf die infrastrukturelle Anbindung mit dem Rest der Insel ist Catania Palermo vorzuziehen. Viele Buslinien verkehren ab oder via Flughafen und verhältnismäßig rasch können so Ziele wie Syrakus, Noto, Ragusa, Taormina, Messina, Milazzo und Palermo direkt erreicht werden, so auch Enna, wenngleich die meisten Busse nur bis beziehungsweise über Enna Bassa, die Neustadt im Tal, und nicht bis zur Altstadt Viale Diaz verkehren. Deshalb wählte ich einen der wenigen Direktbusse, die auch die Altstadt ansteuern.

01 Callascibetta

Callascibetta

Ennas Altstadt liegt gleich einer Festung auf einem Berg, von dem aus weite Teile Zentralsiziliens überblickt werden können. Bereits auf der Hinfahrt zeigte sich, wie verschieden die Landschaft Zentralsiziliens gegenüber der Küstenregion ist: ein ständiger Wechsel von Bergen, Hügeln und Tälern, weit ausgestreckte Felder entlang der Hügel – fast kein Feld ohne Hanglage – und hin und wieder auch ein kleiner See. Enna aber thront gleich einer vergessenen Königin auf knapp tausend Metern Höhe und ist bereits von weitem sichtbar. Als ich ankam, wirkte die Stadt, abgesehen vom vielen Verkehr, recht verschlafen. Auch das CCly, meine Unterkunft, hat offenbar nur wenige Gäste. War in Catania auch aufgrund der angrenzenden Bar als Treffpunkt vieler Studenten und Szeneliebhaber auf der Piazza Currò bis 4 Uhr früh voller Betrieb, herrscht hier beinahe Totenstille. Zumindest auf meiner Etage bin ich der einzige Gast! Ich habe so etwas nur einmal zuvor erlebt – in Riga. Damals hatten wir zu zweit eingecheckt und blieben für zwei Nächte in dem neueröffneten Hostel die einzigen Gäste. Besonders nachts ist das ein wenig unheimlich – lange dunkle Gänge, leere Zimmer mit ungezählten leeren Betten, – die ideale Szenerie für einen Horrorfilm à la Shining.

02 Castello di Lombardia

Castello di Lombardia

Enna zeigte sich von seiner besten Seite, das Wetter wurde zunehmend besser, am Ende herrschte sogar strahlender Sonnenschein. Nach der Siesta wurden auch die Straßen und Plätze immer belebter. Überwältigend wirkte der Dom auf mich, von außen schlicht und unscheinbar, im Innern ein Prunk, der nicht wie in vielen katholischen Kirchen erdrückend, sondern wohltuend anziehend und in seiner Gesamtheit betrachtet trotz der stilistischen Vielfalt auch in sich stimmig wirkte. Dieser besondere Eindruck entstand vor allem durch die schwere Eingangstür, die starken Alabastersäulen und die dunkle Kassettendecke aus Holz, aber auch durch die Kronleuchter. So wirkte das Hauptschiff fast wie ein fürstlicher Ballsaal mit zahlreichen christlichen Gemälden.

03 Enna mit Etna im Hintergrund

Enna mit Etna im Hintergrund

Auf dem äußersten Rand und höchsten Punkt der Altstadt erhebt sich das Castello di Lombardia, von dem aus ich den weiten Blick über das sizilianische Bergland und vor allem das ähnlich wie Enna sich auf einem Berg erhebende Nachbarstädtchen Callascibetta schweifen ließ, letzteres ist noch besser zu sehen von der Piazza Francesco Crispi beziehungsweise meiner Unterkunft, die sich direkt an diesem Aussichtspunkt befindet. Am Fuße des Castello erinnert die Skulptur des seine Fesseln sprengenden syrischen Sklaven Eunus an den Sklavenaufstand von 135 v. Chr., der drei Jahre später erst von den Römern blutig niedergeschlagen wurde. Das Castello erinnert aber auch an Friedrich II., Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation, auf den auch der achteckige Torre di Federico am anderen Ende der Altstadt zurückzuführen ist. Von diesem eröffnet sich nicht nur der beste Blick auf ganz Enna mit dem Etna im fernen Hintergrund, sondern auch auf das Umland. Und das ist nicht anders als spektakulär zu nennen!

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. September 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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