Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

The Zürich Experience

Mit reichlich zwei Stunden Verspätung erreicht der Nachtzug Prag/Berlin – Zürich seinen Zielbahnhof. Es ist der Morgen nach der Bekanntgabe des Brexit-Votums. Der strahlende Sonnenschein, der die verschlafen dreinblickenden Reisenden empfängt, steht in krassem Gegensatz zur Stimmung an den Börsen – allein der Dax bricht zeitweise um mehr als elf Prozent ein. Niemand hatte mit einem Nein der Briten zur Europäischen Union gerechnet. Dabei ist es gerade einmal eineinhalb Jahre her, als die Schweizer Notenbank mit der vollkommen überraschenden Bekanntgabe der Aufhebung des Mindestkurses von 1,20 Franken pro Euro eine fast eben solche Reaktion hervorrief. Die Schweizer Währung wurde im Verhältnis zum Euro innerhalb weniger Minuten um fast zwanzig Prozent aufgewertet, was zwar die in Schweizer Franken angelegten Vermögen in gleichem Maße an Wert gewinnen ließ, auf lange Sicht aber erhebliche Folgen für die Schweizer Unternehmen haben dürfte, deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen allzu starken Franken belastet wird.

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Panorama mit Croßmünster, St. Peter und Fraumünster

Eines der meistverbreiteten Klischees über die Schweiz ist das des Landes der Banken und geheimer Nummernkonten, die durch Neutralität und Bankgeheimnis besonderen Schutz genießen. Der Finanzplatz Zürich hat aber längst nicht mehr den Stellenwert, der ihm allgemein zugemessen wird. Zwar werden in der Schweiz Vermögen in Höhe von 5,44 Billionen Franken (Stand Juli 2016) verwaltet, was aber nur knapp über dem Wert des Zeitraums unmittelbar vor der Finanzkrise liegt. Zudem ist die Höhe der privaten Vermögen ausländischer Kunden stark rückläufig. Ungeachtet dessen ist Zürich aber eines gewiss: ein teures Pflaster. Ich erinnere mich an die Worte eines pensionierten Lehrers in Luzern: „Wenn du die Geldscheiße hast, dann geh nach Zürich.“ Viele Schweizer bestätigen, dass Zürich neben Genf die teuerste Stadt des Landes ist. Das dürfte vor allem auf die hohen Mieten zurückzuführen sein. Was die Lebenshaltungskosten, insbesondere die Preise für Lebensmittel anbetrifft, so sind diese in Zürich ebenso wie in der gesamten Schweiz auf europäischem Spitzenniveau und verglichen mit Deutschland nahezu doppelt bis dreifach so hoch.

Folgt man der zentralen Einkaufsmeile, der Bahnhofstraße, in Richtung Paradeplatz, wird man unweigerlich mit zwei weiteren Klischees konfrontiert: der Schweizer Präzision in Form von Uhren und Taschenmessern und der Raffinesse Schweizer Chocolatiers. Die Schweizer Schokolade gilt als die Beste weltweit und kann in der 1836 gegründeten Confiserie Sprüngli bewundert, gekauft und gekostet werden. Eine besondere Spezialität des Hauses sind die Pralinés und Trüffel.

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Zürichsee

Vom Sprünglihaus am Paradeplatz ist es nicht mehr weit zum Zürichsee. Eine kunstvoll gestaltete Holzkonstruktion dient als Badeanstalt (entlang des Ufers folgen weitere) und nicht wenige nutzten die Gelegenheit zu einem Sprung in das kühle Wasser des Sees. In den Mittagsstunden füllt sich auch die Promenade an den Quaianlagen. Ob Student oder Manager, in Gruppen zu drei, vier oder fünf Personen setzt man sich ans Ufer, nimmt einen Imbiss zu sich und genießt den fantastischen Ausblick auf den See und die sich in der Ferne erhebenden Alpen. Dass Zürich als eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität weltweit gilt, wird hier sofort spürbar. Protestantisches Arbeitsethos und südliches Lebensgefühl scheinen hier eine gewinnbringende Symbiose eingegangen zu sein.

Mit einer Tageskarte kann der Besucher nicht nur S-Bahn, Straßenbahn und Bus fahren, sondern hat zudem die Möglichkeit, Zürich auch von ungewöhnlichen Perspektiven aus kennen zu lernen: per Schiff vom Zürichsee und entlang des Limmat oder per Zahnrad- und Seilbahn hinauf zum Adlisberg (Dolderbahn) und zum Zürichberg (Seilbahn Rigiblick). Einen besonderen Charme hat die rotlackierte Polybahn, die das Central mit dem Hauptgebäude der ETH Zürich verbindet. Hier wurde 1981 auch eine Szene des in Zürich spielenden Thrillers „Espion, lève-toi“/„Der Maulwurf“ mit Lino Ventura und Michel Piccoli gedreht.

Auf dem Gelände der ETH befindet sich das Thomas-Mann-Archiv, das zu besuchen ich mir fest vorgenommen hatte, schon um den Schreibtisch des Autors und die Bibliothek sehen zu können. Offensichtlich rechnete man aber nicht mit unangemeldetem Besuch. Ich musste zweimal klingeln, ehe mir geöffnet wurde. Die Dame, die öffnete, zeigte sich sehr reserviert und gewährte mir nur einen kurzen Blick in das Arbeitszimmer Thomas Manns mit dem Schreibtisch und den darauf stehenden Sächelchen. Ob Thomas Mann den Tisch so verlassen hat, wage ich aber zu bezweifeln. So vollgestellt wie er ist, lässt sich daran kaum arbeiten. Ein Foto zu machen, wurde mir übrigens untersagt, und es wäre auch kaum möglich gewesen, heimlich eines zu machen, denn die mürrische Frau, eine Deutsche übrigens, wich mir während des ganzen Aufenthaltes nicht von der Seite. Gleichwohl gewährte sie mir, eine Postkarte mit dem Motiv des Schreibtisches für einen Franken zu erstehen.

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Postkartenmotive fand ich anschließend noch reichlich in der Altstadt, die mit ihren engen, verwinkelten Gassen, vielen Restaurants und Boutiquen zum Verweilen einlädt. Zahlreiche gut geführte Antiquariate gibt es hier und auch eine Condomeria – ja, richtig, ein Fachgeschäft für Kondome, und die Vielfalt, die man(n) da findet, ist ungeahnt überwältigend. Dass man in der Altstadt Zürichs auch eine Revolution planen kann, zeigt das Beispiel Lenins, der in den Jahren 1916/17 im Haus Spiegelgasse 14 wohnte, bevor er mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn nach Petrograd (St. Petersburg) reiste, um dort die Revolution zu propagieren. Bevor Zürich im Rahmen des Züri Fäscht Kopf stehen würde, reiste ich weiter ins Tessin. Leider war der neue, 57,1 km lange Gotthard-Basistunnel zwischen Erstfeld und Bodio noch nicht freigegeben, der die Fahrtzeit der Züge über die Zentralalpen um eine Stunde verkürzt.

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Spiegelgasse

Über Hagen Schäfer

Dr. Hagen Schäfer hat an der TU Chemnitz und der Universität Leipzig Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft studiert und promovierte zum Hörspiel in der frühen Bundesrepublik. Er hat einige wissenschaftliche Aufsätze für Zeitschriften und Jahrbücher publiziert. Darüber hinaus ist er journalistisch tätig, schreibt kleinere Prosa und Hörspiele. In unserem Blog wird er auch dann und wann über seine Reisen berichten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Oktober 2016 von in Aktuelles, REISE_koffer und getaggt mit .

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