Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Die Spuren der Alten – der Gesichtslose. Hörspiel noir!

Horror geht immer. Das ist auch beim Hörspiel keine Überraschung. Doch subtiler, unaufgeregter Grusel – das ist schon deutlich seltener. Das Hörspiel „Die Spuren der Alten – Gesichtslose“ ordne ich dort einfach mal ein, denn hier wird man keine Blutorgien oder Zombiehorden antreffen. Vielmehr bemüht sich das Stück des Mythos um Cthulhu, den Lovecraft auf eine anspruchsvolle literarische Ebene hob. Nun versucht sich also auch Georg Britzkow an diesem Monument. Wird er fallen?

11124944_1049922835035266_500020567_nVorab: Das Ding ist gelungen und eine runde Sache. Von der Eingangsmoderation eines 30er-Jahre-Stücks (erstmals in Stereophon!) über die alt-cineastische Musik bis hin zum äußerst stimmungsvollen Cover. Die Präsentation ist damit schon mal perfekt.

Wir steigen über einen wunderbar desillusionieren, zynischen Ich-Erzähler namens James Groonsfield in die Geschichte eines Privatdetektivs ein, der über einen zunächst unverfänglichen Beschaffungsjob zu Dingen geführt wird, die weit über seine Verhältnisse hinausgehen. Erzählstil, Personen und Orte erinnern stark an das Film noir-Genre, nur eben gehört, also: Hörspiel noir. Dabei sind Art und Ablauf der Dialoge erfrischend geruhsam. Sie lassen sich viel Zeit und bauen langsam Spannung auf, um dann mit einem Mal zum Punkt zu kommen. Zugleich sind sie von Ryan O. Hershey sehr lebendig geschnitten mit leisen Zwischentönen, dezenten Bewegungen und dramaturgischem Feingefühl. Ebenso zurückhaltend verhält sich Christian Storcks musikalische Gestaltung. Immer wieder kitzeln Piano-Arpeggios am akkustischen Gaumen oder brüllen Bläser-Orchester in die Szene, dass es tatsächlich an einen Film-Schocker des frühen 20. Jahrhunderts erinnert. Literarisch muten die Texte durchaus anspruchsvoll an – im positiven Sinne. Zumindest würde H. P. Lovecraft seine Freude daran gefunden haben, sofern er des Deutschen mächtig gewesen wäre. Dennoch gerieten mir einige Dialoge zu lang und auch so manche Szene hätte verdichtet bzw. gestrichen werden können, um der Handlung Pfeffer zu geben. Ich kann mir vorstellen, dass der Plot einigen zu langsam voranschreitet.

Besonders loben möchte ich den Hauptdarsteller James Groonsfield, gesprochen von Patrick Steiner. Ihm gelingt jede einzelne Facette dieses vielschichtigen Charakters, sowohl im dialogschen Spiel als auch den sehr gelungenen Monologen. Mir sind außerdem Markus Raab als Mr. Smith und Amalie Bormann als Ruby in sehr positiver Erinnerung geblieben. Doch auch die anderen Rollen sind überdurchschnittlich gut besetzt und bis auf ein, zwei Kleinigkeiten auf einem schauspielerisch guten Niveau.

Gegen Ende zieht die Handlung stark an und man muss schon mit beiden Ohren dran hängen bleiben, um den Wendungen folgen zu können. Das Finale gerät mir schließlich etwas zu abstrakt, was den Gesamteindruck nur geringfügig trübt.

Insgesamt eine sehr feine Sache und ich würde gern noch mehr Grusel in diesem Stil hören. Lediglich ein Anliegen bleibt mir noch an den Mann zu bringen: Schätzt ein wenig mehr das Medium der CD! Denn weder findet man bei den „Spuren der Alten“ eine CD-Druckvorlage noch sind die MP3s cd-freundlich eingeteilt. Aber gut: In den 30ern gab es ja noch keine CDs, insofern…

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

Ein Kommentar zu “Die Spuren der Alten – der Gesichtslose. Hörspiel noir!

  1. Imort
    8. August 2015

    Klingt vielversprechend, gibt es einen Link?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. August 2015 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , , , , .

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