Die Belletristen

Erzählkunst in allen Formen und Farben

Wayne McLair 1: Tom & Jerry im viktorianischen Zeitalter

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Neues von der Hörspielfront: Wayne McLair hat das Licht der Welt erblickt und schickt sich an, eine Serie von Meisterdieb-Hörspielen zu begründen. Das Cover verspricht schon mal stilechten Steampunk. Hier hat ein gewisser Üffes wirklich geglänzt und eine ganze eigene, reizvolle Optik geschaffen. So, dann wollen wir mal auf PLAY drücken.

Schon begegnet uns Wayne McLair, der Meisterdieb, in einer maßgeblichen Einstiegsszene. Sein kriminalistischer Gegenspieler Arthur O’Neill geht ihm gleich mal auf den Leim, indem er ein Schmuckstück beschützend dasselbe an den als französischer Kommissar verkleideten Wayne McLair verliert. Der herzzerreißende „Dreck Dreck Wayne McLaaaaaair!“-Ruf setzt den Startschuss für ein unterhaltsames, turbulentes Katz-und-Maus-Spiel im viktorianischen Zeitalter. O’Neill jagt den charmanten Verbrecher, während dieser den hiesigen Gangsterboss Slypher aufs Korn nimmt, um damit seine Ziehmutter Caitlinn aus den finanziellen Fängen des Verbrecherbosses zu befreien. Dem moralisch geschulten Hörer fällt es sofort siedend heiß ein: kann man denn einen Dieb zum Helden einer Geschichte machen? Und weiter: kann ich dieses Hörspiel meinem Kind vorspielen? Natürlich darf das jeder selbst entscheiden. Ich zumindest bin solcher pädagogischer Zeigefinger überdrüssig und habe – wenn man es mal philosophisch aufgreift – Nietzsches Kamel (Also sprach Zarathustra), das einen Haufen unnütze Normen mit sich herumschleppt, hinter mich gelassen. Zumal die Kategorie „Besitz“ für mich ohnehin keinen allzu hohen Wert besitzt. Eigentum ist Diebstahl und so weiter… (Proudhon). Zurück zum Thema: Das Skript ist in sich stimmig. Paul Burghardt muss nur Acht geben, dass er seiner Hauptfigur öfter moralische Motive unterschiebt, damit er eine Identifikationsfigur bleibt. Des Weiteren darf O’Neill nicht zu tölpelhaft agieren. Das ist zwar momentan noch im Rahmen, dennoch braucht ein guter Gegenspieler Charakterstärken, um es spannend zu halten. Auch Gangsterboss Slypher hätte hiervon noch etwas gebrauchen können. Man hat sehr oft das Gefühl, dass McLair ohnehin am Ende obsiegen wird. Ich wünsche mir also mehr Rückschläge, mehr falsche Fährten, mehr Katastrophen, kurz: mehr Gegenwind für McLair. Dennoch fühlte ich mich über das gesamte Hörspiel hinweg gut unterhalten.

Da die Produktion insgesamt komische Züge trägt, agieren die meisten Sprecher etwas „über“, soll heißen: die Betonungen geraten manchmal zu stark, die Gefühlsausbrüche zu deftig. Das alles geht aber insgesamt in Ordnung, weil das gesamte Hörspiel – wie gesagt – komödiantisch angelegt ist. In dieser Hinsicht nicht ganz passend erschienen mir die Erzählerparts. Felix Würgler wirkt hier etwas bieder und gehetzt, was möglicherweise eine Regie-Entscheidung ist, denn wer Felix Würgler schon in anderen Produktionen gehört hat, weiß: der Mann kann auch anders. Für den nächsten McLair würde ich mir also den Felix mit mehr Schalk im Nacken wünschen. Das kann der Würgler besser als jeder andere. Paul Burghardt als Wayne McLair wirkt in seiner Rolle sympathisch und weiß zu überzeugen, macht aber hier und da einen Schlenker zu viel. Das hält sich jedoch in Grenzen, sodass er eine sehr gute Besetzung ist. Ebenso gefiel mir Ermittler O’Neill alias Roman Ewert, der hier eine wirkliche Glanzleistung bietet. Vor allem im Zusammenspiel mit Michael Gerdes, der hier den Chief Henderson gibt. Eine wunderbare Szene, in der ich mich köstlich amüsiert habe. Nicht einverstanden bin ich mit der Besetzung von Slypher und seinem Schergen Riley. Da sich die Stimmen von McLair, O’Neill und Slypher auf ähnlicher Tonhöhe und Charakteristik bewegen, wäre es aus meiner Sicht nötig gewesen, wenigstens letztere Rolle (Slypher) an eine markant andere Stimme wie die von Marc Schülert zu vergeben. Nicht falsch zu verstehen: Christoph Memmert agiert großartig, hebt sich aber stimmlich (nicht schauspielerisch) nicht genug von den Protagonisten ab. Abgesehen davon ist mir noch Jessica von Haeseler als Ziehmutter Caitlinn in sehr guter Erinnerung geblieben. Allen anderen sei gesagt: in negativer Erinnerung ist mir niemand geblieben.

Nun zu einem besonders guten Punkt: die Musik! Es dampft ordentlich in der Steampunk-Welt McLairs. Da hämmert das Honky-Tonk-Klavier irre Töne in die Tasten, umschmeicheln sanfte Melodien die Unterwelt, werden viele kleine Einfälle in die Dialoge eingearbeitet. Kevin McLoud kann nicht genug dafür gelobt werden. Ebenso ist für meine Ohren der Schnitt äußerst gelungen. Paul Burghardt sorgt hier mit Klang und Dialogschnitt für Tempo in der Handlung, klingt alles einwandfrei. Weitermachen!

Nun zum Fazit. McLairs Plan geht auf! Dieses Hörspiel ist lebendig, voller Spielfreude und guter Ideen. Bei allem Lob: es kann noch gefeilt werden. Die Sprecher haben noch ein kleines bisschen Luft nach oben, ebenso wie das Charakter- und Storyboard. In dem Sinne freue ich mich auf ein noch größeres Hörvergnügen bei Wayne McLair 2!

4star

R. M. Beyer

Über Martin Beyer-Festerling

Dipl.-Berufspäd. Martin Beyer-Festerling hat Medizin- und Pflegepädagogik sowie Philosophie an der TU Dresden studiert. Er schreibt Hörspielskripte und Kurzgeschichten, betätigt sich aber zudem als Sprecher und produziert hin und wieder Hörspiele.

4 Kommentare zu “Wayne McLair 1: Tom & Jerry im viktorianischen Zeitalter

  1. MZ
    8. Januar 2013

    Steampunk, dass ist schon eher meine Welt . Trotz des wenig steampunkigen Covers werde ich mir dieses Hörspiel mal zu Gemüte führen. Danke für die Rezension. MZ

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  2. Paul Burghardt
    10. Januar 2013

    Besten Dank für die netten Worte, Martin.

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  3. Manuel
    7. August 2013

    So, hab mal reingehört. Konnte mich leider nicht überzeugen. Einige Szenen (gerade die Begrüßungsszene im Wirtshaus) (zer)störten doch das Ambiente. Auch die Eröffnugszene war einfach ZU vorhersehbar. Schade!

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  4. Pingback: Wayne McLair 2&3 – Der Revolvermann (Rezension) | Die Belletristen

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Januar 2013 von in Aktuelles, HÖRSPIEL_truhe und getaggt mit , , .

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